Flexible Arbeitszeitmodelle - Familienfreundlichkeit überzeugt Mitarbeiter

Als Reaktion auf den Fachkräftemangel gehen das Bundesfamilienministerium und der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) derzeit in die Offensive und rufen Arbeitgeber auf, familienbewusste Arbeitszeitmodelle anzubieten. Wer Mitarbeiter an sein Unternehmen binden oder neue Fachkräfte gewinnen wolle, für den seien innovative Arbeitszeitmodelle unverzichtbar.

Der Bedarf ist groß: Nur etwa ein Drittel der berufstätigen Eltern ist laut Allensbach-Institut zufrieden mit ihrer Arbeitszeit und 96 Prozent wünschen sich flexiblere Arbeitszeiten. Wie wichtig diese Flexibilität ist, belegt auch die "Personalmarketingstudie 2010" des Bundesfamilienministeriums: Für 90 Prozent der Beschäftigten mit Kindern ist Familienfreundlichkeit bei der Arbeitgeberwahl ebenso wichtig oder sogar wichtiger als das Gehalt. Ob vollzeitnahe Teilzeit, Vertrauensarbeitszeit, Gleitzeit oder Arbeiten von zu Hause - es gibt unzählige Varianten für familienfreundliche Arbeitszeitmodelle. Viele Unternehmen - große und kleine - gehen mit gutem Beispiel voran. So bietet Henkel eine Vielzahl an Angeboten zur Vereinbarkeit "von beruflichem Erfolg und persönlicher Lebensplanung", zum Beispiel verschiedene Teilzeit-Modelle und Möglichkeiten zum Wiedereinstieg. Ebenso erhalten Teilzeitkräfte die gleichen Möglichkeiten zur Fortbildung wie Vollzeitkräfte. Und auch während der Elternzeit können die Mitarbeiter an Online-Fortbildungen teilnehmen.

Eine weitere Maßnahme: Am Standort Düsseldorf gibt es zwei betriebsinterne Kindertagesstätten, die Betreuungsplätze für Kinder ab vier Monaten anbieten. Anke Meier, Leiterin Global Diversity & Inclusion: "Aber die Vereinbarkeit von Familie und Beruf hört nicht mit der Kinderbetreuung auf. Durch den demografischen Wandel gewinnt die Betreuung pflegebedürftiger Angehöriger an Bedeutung. Wir können es uns nicht erlauben, bestens ausgebildete Mitarbeiter zu verlieren. Insgesamt gilt es sicherzustellen, dass Hemmnisse, die einer Karriereentwicklung im Wege stehen könnten, so weit wie möglich aus dem Weg geräumt werden." Das Programm "ElderCare" umfasst deshalb auch Angebote zur Betreuung pflegebedürftiger Angehöriger von der Beratung bis zu Hilfestellungen in allen Fragen der Pflegebedürftigkeit, Unterbringung, Anerkennung der Pflegestufe, Pflegehilfsmittel et cetera.

Flexible Arbeitszeiten binden Fachkräfte langfristig
Alle diese Maßnahmen dienen dazu, Fachkräfte an das Unternehmen zu binden. Die Ergebnisse der Mitarbeiterumfragen, so Anke Meier, Henkel, zeigen eine hohe Zufriedenheit der Beschäftigten. Die Zahlen würden belegen, dass die Mitarbeiter sich mit ihren Bedürfnissen ernst genommen fühlen. Der Anteil von Frauen in Führungspositionen liegt im Unternehmen mittlerweile bei 28 Prozent und damit über dem Durchschnitt in deutschen Großunternehmen. Dennoch erwartet das Management eine weitere Steigerung des Frauenanteils nicht zuletzt durch die Freiheit und Flexibilität, die bei der Organisation der Arbeit geboten wird.

Weitere positive Effekte der flexiblen Arbeitszeiten registriert Gerda Köster, zuständig für Work & Life Services, bei Vodafone: "Angestellte, die familienbewusste Arbeitszeitmodelle nutzen, haben in aller Regel kürzere Ausfallzeiten und stehen unserem Unternehmen mit ihrem Know-how schnell wieder zur Verfügung. Wir erleben auch, dass diese Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter besonders motiviert, engagiert und zielstrebig arbeiten." Rund 2.300 Mitarbeiter arbeiten bei Vodafone in familienfreundlichen Arbeitszeitmodellen. Davon sind 165 im außertariflichen Bereich - zum Teil mit Führungsaufgaben - beschäftigt. Auch 361 Männer nutzen die von der Norm abweichenden Arbeitszeiten. Gerda Köster: "Wir bieten hier nahezu jedes individuelle Modell in Bezug auf Länge, Lage und Verteilung an. Dazu zählen auch Teilzeit während der Eltern- oder Pflegezeit sowie Teilzeit in Führungsposition."

Damit die Beschäftigten gegebenenfalls einen Teil der Arbeit auch außerhalb des Büros erledigen können, bietet das Telekommunikationsunternehmen auch die Möglichkeit des Home-Office an. Darüber hinaus können seit 2005 Mitarbeiter bis zu sechs Wochen für die Pflege von Angehörigen freigestellt werden. "Zeit ist ein entscheidender Faktor, um Arbeitnehmern die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu ermöglichen", so Gerda Köster: "Gerade während der 'Rush-hour des Lebens', wenn für viele Kinderbetreuung, Pflege oder gar beides zu bewältigende Aufgaben sind, ist es wichtig, als Arbeitgeber Arbeitszeitmodelle anzubieten, die dies berücksichtigen."

Den Kopf frei haben
Familienorientierte Arbeitszeitmodelle können Unternehmen jeder Größenordnung umsetzen, denn sie brauchen keinen aufwändigen organisatorischen Background. "Wir sind überzeugt davon, dass nur ein Mitarbeiter, der den Kopf frei hat, sich voll für unsere gemeinsamen Ziele einsetzen kann", sagt Wolfgang Witte, Geschäftsführer des Softwareunternehmens Perbit, in dem rund 50 Mitarbeiter beschäftigt sind. Familienfreundlichkeit sei ein Grundbestandteil des partnerschaftlichen Klimas und daher investiere man gern in die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Mitarbeiter finden flexible Arbeitszeiten vor, können die Arbeit vom Home Office aus leisten und Eltern mit Kindern bekommen einen Kinderbetreuungszuschuss.

Das Unternehmen unterstützt es ausdrücklich, wenn Väter sich in der Kinderbetreuung engagieren, auch als Führungskraft. Deshalb arbeiten bei Perbit nicht nur Mütter, sondern auch Väter mit reduzierter Wochenarbeitszeit. Die Entscheidung zwischen Familie oder Karriere stellt sich also für die Mitarbeiter nicht. Engagierte Mitarbeiter und eine geringe Fluktuation seien die Resultate einer Unternehmenskultur, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt, resümiert Wolfgang Witte: "Familienfreundliche Personalpolitik ist ein wichtiger Aspekt, wenn es um Arbeitgeberattraktivität geht. Unternehmen, die dies noch nicht erkannt haben, werden angesichts des demografischen Wandels zukünftig erhebliche Probleme bekommen, dem Personalbedarf gerecht zu werden."

Wann sind Arbeitszeitmodelle in der Praxis erfolgreich?
Hohe Investitionen in eine Kindertagesstätte oder ein Zuschuss für die Kinderbetreuung sind nicht unbedingt notwendig, wenn Arbeitgeber familienorientiert agieren wollen. Gefragt sind die Einsicht in die Notwendigkeit, für Fach- und Führungskräfte ein attraktiver Arbeitgeber zu sein, und der Wille des Arbeitgebers zur Flexibilität. Geschäftsführer Wolfgang Witte: "Es gibt keine Patentrezepte. Jedes Unternehmen muss die eigene Situation gründlich analysieren und auf das Unternehmen zugeschnittene Maßnahmenpakete entwickeln." Manchmal reicht es, einige Stellschrauben zu drehen, um sich auf die Lebens- und Arbeitssituation der Mitarbeiter besser einzustellen. Mit pauschal zugeschnittenen Zeitmodellen kann man allerdings nicht weiterhelfen. Bei Henkel werden die flexible Arbeitszeitzeiten jeweils in Absprache mit den jeweiligen Vorgesetzten und den Kollegen vereinbart - das heißt auf Bereichsebene. Ähnliches gilt bei Vodafone. Gerda Köster: "Unsere Modelle sind erfolgreich, weil sie auf die Situation des einzelnen Angestellten zugeschnitten sind und wir keine pauschalen Lösungen anbieten. Dies ist aufwendiger, aber erfolgreicher."
 
Von Christiane Siemann