Flexibilität - Fachkräfte als Zeitarbeiter

An der Zeitarbeit scheiden sich die Geister. Manager loben die neue gewonnene Flexibilität, ihre Personalkosten variabel gestalten zu können. Gewerkschafter hingegen beklagen das Lohndumping, dem durch Zeitarbeit ihrer Ansicht nach Tür und Tor geöffnet werde. Jenseits dieser Debatten zeigt Zeitarbeit ein völlig neues Gesicht. Denn die Branche wird immer mehr zum Fluchtpunkt von Akademikern.

Zeitarbeit, früher ein Sammelbecken für ungelernte Kräfte oder einfache Bürojobs, hat in den vergangenen Jahren eine bemerkenswerte Entwicklung genommen. Während die Zahl der in der Zeitarbeit Beschäftigten exponentiell auf nunmehr rund 750.000 stieg, ist die Branche inzwischen auch Anlaufstation für hoch qualifizierte Fachkräfte geworden. Immer mehr Zeitarbeitsfirmen beschäftigen Naturwissenschaftler, Ingenieure und Informatiker und bilden sie teilweise sogar weiter aus. Nach Angaben der internationalen Personaldienstleistungsfirma Robert Half ist der Akademikeranteil in der Zeitarbeit zwischen 1984 und 2006 von 2,5 auf zehn Prozent gestiegen.

Fachkräfte sind rar gesät
Solche Informationen verbreiten sich im Nu. Hochschulabsolventen und erfahrene Akademiker steuern auf der Suche nach neuen Beschäftigungschancen direkt auf Firmen zu, die ebenso wie Konzerne oder mittelständische Unternehmen alle Rekrutierungskanäle nutzen, um Kandidaten zu gewinnen. Hier wird viel Geld in die Suchmaschinenoptimierung investiert, dort will man sich mit einem pfiffigen Messekonzept als Arbeitgeber von der Konkurrenz abheben.

Warum zieht es Akademiker eigentlich in eine Branche, deren Ruf - vorsichtig ausgedrückt - stark verbesserungsbedürftig ist? Wer heute ein Examen als Informatiker oder Ingenieur in der Tasche hat, sollte sich eigentlich die besten Jobs aussuchen können, diese Botschaft rauscht doch täglich durch den Blätterwald. Das ist leider nur die halbe Wahrheit. Zwar wird allenthalben beklagt, es gäbe nicht genug Fachkräfte für die große Nachfrage. Umgekehrt gelingt es nur wenigen qualifizierten Bewerbern, genau das Profil zu präsentieren, das die ausgeschriebene Position verlangt.

Was Zeitarbeit attraktiv macht
Doch es ist nicht allein die sehr spezielle Qualifikation und Erfahrung, die Arbeitgeber von Informatikern oder Ingenieuren erwarten. Ohne es an die Glocke zu hängen, verhängen Firmen - vor allem Konzerne - Einstellungsstopps und besetzen "offene" Positionen mit Mitarbeitern von Personaldienstleistern. Nicht ungewöhnlich ist deshalb, wenn sich Informatiker Said A. direkt bei einem Luft- und Raumfahrtkonzern bewirbt, dann aber zu einer Zeitarbeitsfirma stößt, die seine Unterlagen von der Personalabteilung erhalten hat. So landet A. nicht bei der ursprünglich gewünschten Adresse, sondern bei einem Automobilzulieferer, der ebenfalls über die Zeitarbeit flexibles Personal rekrutiert.

Kein Einzelfall. A. sagt, viele seiner ehemaligen Kommilitonen seien ebenfalls in der Zeitarbeit gelandet. Das bestätigt auch Torsten S., der als junger Maschinenbauer keinen Einstieg fand. "Die Aussage, Ingenieure könnten sich die Jobs aussuchen, halte ich für ein Gerücht." S. ist zufrieden mit der Zeitarbeit. "Sie eröffnet mir die Chance, Erfahrungen in verschiedensten Branchen zu sammeln." Eine kluge Strategie: Zunächst ausprobieren, was einem gefällt, und sich erst später für einen festen Job entscheiden. Uni und dann 40 Jahre bei Siemens - das war einmal. Diejenigen, die sich solche Illusionen abschminken und mit der geforderten Flexibilität locker umgehen können, sind künftig die Gewinner im Arbeitsmarkt.
 
Von Winfried Gertz