Fit im Oberstübchen

"Ältere Mitarbeiter sind eine Klasse für sich", heißt es gelegentlich auf Kongressen. Von ihrer Erfahrung, Geduld und ihrem kommunikativen Geschick könnten sich die Jungen eine Scheibe abschneiden. Doch die betriebliche Wirklichkeit spricht eine andere Sprache: "Beschäftigen wollen wir sie nicht."

Störrisch sperre sich die "Generation 50 plus" gegen jegliche Veränderung, lautet ein Argument. Und beim Lernen blieben die Silberrücken weit hinter ihren jungen Kollegen zurück. Ein verhängnisvoller Irrglaube, meint der Hirnforscher Manfred Spitzer. Die vorherrschende Annahme, Lernfähigkeit sei auf die frühen Lebensjahre beschränkt, hält der leitende Psychiater der Universitätsklinik Ulm für blanken Unsinn. "Das Hirn kann nichts anderes als lernen", sagt Spitzer, "und zwar ein Leben lang." Ein 50-Jähriger, der bereits mehrere Fremdsprachen beherrscht, kann sich eine weitere schneller aneignen als ein Kind in der Lage ist, seine eigene Muttersprache zu erlernen.

Dass im Hirnlabor selbst in hohen Jahren noch Hochbetrieb herrscht, liegt an biochemischen Prozessen und der Informationsverarbeitung, die jeden hochgerüsteten Computer alt aussehen lassen. Einem Geflecht aus Nervenbahnen und sich ständig verändernden Knotenpunkten, den Synapsen, ist zu verdanken, dass zig Milliarden Nervenzellen sich permanent austauschen. Wer lernt, dessen Hirn bildet also neue Verbindungen zwischen den Synapsen aus. Je größer die Knotenpunkte anwachsen, desto mehr Erfahrung ist im Spiel.

Mit der Zeit werden aus Trampelpfaden Hochgeschwindigkeitsstrecken, das Gelernte geht in Fleisch und Blut über. Hat ein US-Teenager bei Erreichen seines 18. Lebensjahres bereits 300.000 Morde im TV und auf der Play Station miterlebt, nimmt es nicht Wunder, dass die Chance, dass er eines Tages selbst zur Waffe greift, rapide steigt. Andererseits erinnert Spitzer auch daran, dass "der Steinzeitmensch erst mit 40 zum Meister der Jagd wurde", zweifelsohne ein schönes Beispiel für die Überlegenheit der Erfahrung gegenüber jugendlicher Dynamik.

Solche Impulse geben der aktuellen Diskussion um den demografischen Wandel weiteren Schub. Zahlreiche Unternehmen bereiten sich intensiv auf die zunehmende Alterung ihrer Belegschaften vor. Unbekannt war bisher, wie man auf die verschiedenen Lernpotenziale von jüngeren und älteren Mitarbeitern gezielt einwirken kann. In Trainings alle Mitarbeiter über einen Kamm zu scheren, wird diesem Ziel gewiss nicht dienen. Eine Alternative sind altersgemischte Teams: Ältere Mitarbeiter profitieren von der Neugierde und Dynamik ihrer jüngeren Kollegen, die wiederum von der Erfahrung und Übersicht ihres Gegenübers.

Hirnforscher Spitzer empfiehlt Unternehmen, Abschied zu nehmen von eingeschleiften Denkmustern und neue Wege zu gehen. Der Leidensdruck ist gewaltig gestiegen: In Seminaren sitzen Mitarbeiter, die gegen ihren Willen zur Weiterbildung "abgeordnet" wurden, während Trainer ihre Kurse unter strengen Effizienzvorgaben durchführen müssen. Firmen schicken Mitarbeiter unverändert wegen ihrer Schwächen aufs Seminar - da kommt eben keine Freude auf. Gravierender Kompetenzverlust wird vor allem den Älteren unterstellt, die ihr Heil in der Flucht suchen. Viele Menschen denken, sie seien als ältere Mitarbeiter nicht mehr leistungsfähig, und wollen deshalb früh ausscheiden.

Der betriebliche Alltag für über 50-Jährige ist kein Zuckerschlecken. Bis sich Erkenntnisse der Hirnforschung durchsetzen können, wird noch einige Zeit vergehen. Lernbedarf gibt es vor allem in den Chefetagen. "Erst mustern wir ältere Mitarbeiter frühzeitig aus", sagt eine Münchener Personalentwicklerin selbstkritisch, "und später lotsen wir sie als Seniorexperten zu teuren Konditionen wieder an Bord."
 
Von Winfried Gertz