Finanzkrise - Mittelstand als Hoffnungsträger

Die Finanzkrise scheint gerade noch aufgefangen zu werden, da rollt der ökonomische Tsunami schon auf andere Wirtschaftszweige zu. Viele Unternehmen wird es hart treffen, keine Frage.

Aber es gibt auch Firmen, die trotz düsterer Prognosen nun in ihre Mitarbeiter investieren. Schwärzer kann man sich die Zukunft nicht ausmalen. Treffen die Vorhersagen von Konjunkturforschern zu, steht der Wirtschaft ein sorgenvolles Jahr 2009 bevor. Wie die Berater von Pricewaterhouse Coopers (PWC) in einer Umfrage ermittelten, rechnen vier von fünf Firmen mit Entlassungen in ihrem unmittelbaren Umfeld. Angehäufte Überstunden werden abgefeiert, Zeitkonten geplündert und Mitarbeiter in den Urlaub geschickt. Zuerst setzt man Leiharbeiter vor die Tür, dann sind die eigenen Mitarbeiter an der Reihe.

Kleinbetriebe und neue Branchen profitieren von Finanzkrise
Die ganze Wirtschaft ein Jammertal? Nein, denn es gibt sie noch, Firmen, die von der Krise verschont bleiben oder ganz andere Sorgen haben. "Finanzkrise, diesen Begriff kenne ich nicht", sagt Andreas Renner. Sein Unternehmen mit Sitz in Lauingen an der Donau ist auf Sanitär- und Heizungstechnik spezialisiert. Nicht die Finanzkrise schlägt Renner auf den Magen, sondern der Mangel an Bauingenieuren. "In unserer Branche herrscht Vollbeschäftigung. Neue gesetzliche Vorgaben zur Kohlendioxid-Einsparung, die der Staat mit hohen Zuschüssen forciert, kurbeln unser Geschäft deutlich an".

Doch Techniker, Planer und Kundenberater sind schwer zu finden. Nun spekuliert Renner darauf, dass woanders Mitarbeiter gehen müssen und dann bei ihm anklopfen. Von den Problemen der Konkurrenz profitiert auch die Bauunternehmung Krieger und Schramm in Dingelstädt. Sie hat weniger mit privaten Häuslebauern zu tun, sondern ist in Großprojekten wie zum Beispiel im Großraum Frankfurt engagiert. Für ihre gute Personalentwicklung wurde die Firma jüngst als Arbeitgeber ausgezeichnet. Das spricht sich herum, nicht zuletzt deshalb steigen die Bewerberzahlen. Während die ersten Baufirmen ins Wanken geraten, "wollen wir gegen den Trend agieren und uns durch Qualität und Leistung vom Wettbewerb unterscheiden", sagt Sprecherin Heike Wietschel.

Aus dem Schatten heraus
Gesunder Optimismus ist auch in Waldkirch im Schwarzwald angesagt, wo die Innenarchitekten von Ganter Interior ihren Sitz haben. Die Firma ist in wenigen Jahren enorm gewachsen, weil sie mit ihren Ladeneinrichtungen ausschließlich Markenkunden wie Apple oder Boss im In- und Ausland betreut. Dennoch mahnt Personalleiterin Pia Korppi zu Vorsicht. Erste Kunden hätten bereits Aufträge gestoppt oder das Projektvolumen heruntergefahren. Also müssen frei werdende Ressourcen sinnvoll eingesetzt werden: "Nun investieren wir verstärkt in die Köpfe und bringen High Potentials aus der dritten Reihe gezielt nach vorn".

Beispiele wie Ganter Interior, Krieger und Schramm oder Andreas Renner gibt es zuhauf. Nur rücken sie als mittelständische Firmen zu wenig in den Fokus der Berichterstattung, weil sich Medien im Zeichen der Krise verständlicherweise auf die ernsthaft bedrohten Unternehmen konzentrieren. Freilich sollten sich Bewerber davon nicht beeindrucken lassen. Gerade die "Hidden Champions" scheinen nun als potenzielle Arbeitgeber aufzuholen, was ihnen im Schatten der großen Namen während des Aufschwungs lange verwehrt war. Während in DAX-Firmen nun ungemütliche Zeiten anbrechen, könnten die mittelständischen Unternehmen die Gunst der Stunde nutzen und für viele Mitarbeiter eine neue Heimstatt werden.
 
Von Josef Bierbrodt