Fatale Berührungsängste

Die Krise ist in den Unternehmen angekommen. Dass dringend etwas getan werden muss, ist Managern klar. Was genau getan werden muss, ist vielen ein Rätsel - und so greifen sie auf eine vertraute Methode zurück: Berater anheuern. Damit verschenken sie das beste Potenzial, das sie haben: Die Ideen der eigenen Mitarbeiter.

Die meisten Change-Projekte scheitern. Warum? Fragt man Beratungshäuser, haben die Unternehmen die "falsche Methode" gewählt oder methodisch herumgestümpert. Fragt man Wissenschaftler wie etwa Change-Expertin Simone Inversini, so ist es gerade die "stereotype Anwendung" vorgestanzter Ansätze, die Veränderungsprozesse scheitern lässt.

Innerbetriebliche Kommunikation schafft positive Veränderungen
Maßnahmen von der Stange können kein Unternehmen retten. Es kommt immer auf den Einzelfall an. Und den kennt niemand so genau wie die eigenen Mitarbeiter. Das Forschungsprojekt "Integration von unten" hat eindrücklich gezeigt, dass es die Mitarbeiter sind, die Veränderungen am effektivsten planen und vor Ort einführen können.

Der Weg aus der Krise könnte also schnell und direkt beschritten werden, wenn Manager ihre eigenen Leute um Rat fragen würden. Allein, sie tun es nicht. Sie verschanzen sich lieber hinter ihren Schreibtischen oder hinter eilig angeheuerten Berater-Trupps.

Der Grund: Viele wissen schlicht und ergreifend nicht, wie sie mit den Männern und Frauen aus Werkstätten und Großraumbüros reden sollen. Immerhin vier von fünf Managern der 100 größten Unternehmen stammen aus den oberen drei Prozent der Bevölkerung - das ist ein Ergebnis der Studien von Eliteforscher Michael Hartmann, Professor für Soziologie an der TU Darmstadt. Bei den meisten Vorstandschefs waren die Eltern selbst Unternehmer, Manager, hohe Beamte oder entstammten dem Adel. Wer aus dieser Gesellschaft kommt, möchte mit "denen da unten" tendenziell gar nichts zu tun haben. Nicht aus böser Absicht, sondern aus Gewohnheit.

Macher sind gefragt
Natürlich gibt es auch Manager, die aus einfachen Verhältnissen stammen. "Aufsteiger bekommen oft Chancen in Umbruchzeiten, wenn Umstrukturierungen anstehen. Sie sind in der Regel die Härteren", erklärt Eliteforscher Hartmann. Das sind diejenigen, die den Karren aus dem Dreck ziehen können. Und häufig sind es diejenigen, die einen besonders guten und engen Draht zur Basis aufbauen können.

Sie sind jetzt gefragt. Jetzt braucht es Manager, die ihre Schreibtisch-Burgen verlassen, die Ärmel hochkrempeln und direkt mit der Basis an der Sache zu arbeiten. Es braucht Manager, die nicht beim ersten Problem ein Dutzend Berater anheuern, die ohnehin aus dem gleichen Milieu stammen wie sie - und die genauso wenig wie sie selbst in der Lage sind, mit den Männern und Frauen an der Basis auf Augenhöhe zu sprechen. Jetzt braucht es Manager, die ihre besten Mitarbeiter zu Beratern machen.
 
Von Anne Jacoby