Fachkräftemangel in MINT-Berufen - Was die Zukunft bringt

In der kommenden Zeit sagen altersbedingt viele Ingenieure, Informatiker und Naturwissenschaftler ihrem Job "Adieu". Daher müssten in den nächsten fünf Jahren rein theoretisch jährlich 49.000 frische MINT-Kräfte nachrücken. Dramatische Zahlen, die sich nicht ignorieren lassen.

Weil ein Dauerthema wie der Fach- und Führungskräftemangel und besorgniserregende Zukunftsszenarien zur Abstumpfung der Aufmerksamkeit führen, sorgen die Wirtschaftsinstitute regelmäßig für Nachschub an Zahlen. Einerseits erkennen viele Unternehmen auch ohne Statistik den Ernst der Lage, da sie die Defizite bei der Rekrutierung spüren. Andererseits scheuen manche den Blick in die Zukunft, weil sie davon ausgehen, dass ihre Handlungsmöglichkeiten begrenzt sind.

Eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft, Köln könnte Personalplanern unter die Haut gehen. Denn trotz Konjunkturtief liegt derzeit die Zahl der offenen Stellen für MINT-Fachkräfte mit 61.000 über der Zahl der gemeldeten Arbeitslosen in diesem Bereich. Und trotz Wirtschaftskrise liegt die vom VDE errechnete Arbeitslosenquote der Elektroingenieure bei nur 2,3 Prozent. Zum Vergleich: Zu Boomzeiten betrug sie 1,9 Prozent. Ein Grund: Die Entwicklungsabteilungen in Elektrounternehmen arbeiten größtenteils unvermindert weiter trotz Kurzarbeit. Ein deutliches Zeichen, dass die technische Industrie anders als in vergangenen Krisen versucht, ihre Fachkräfte an Bord zu halten. Denn vielen ist klar, "dass vor allem für die großen Zukunftsfelder E-Mobility und E-Efficiency Elektroingenieure benötigt werden", konstatiert VDE-Vorstandsvorsitzender Dr.-Ing. Hans Heinz Zimmer.

Der Ruhestand reißt eine Kluft in den Arbeitsmarkt
Der Mangel an Mathematikern, Informatikern, Naturwissenschaftlern und Technikern hält an und die Lücke wächst deutlich - auch wenn sie rezessionsbedingt zunächst etwas schrumpfen wird. Doch ein Blick in die nächsten fünf Jahre verkündet ein weiteres "Loch" im Markt der Erwerbstätigen. Denn die Rente ruft die Jahrgänge 1949 bis 1955 in die Ruhestandsphase: Viele Ingenieure, Informatiker und Co. nehmen ihren Hut. Eine VDI/IW-Studie zeigt, dass jedes fünfte Unternehmen in den kommenden fünf Jahren Ingenieure ersetzen muss. Im Jahr 2015 dürften eine Viertelmillionen dieser Hochqualifizierten fehlen. Unterm Strich benötigt die Wirtschaft zwischen 2015 und 2020 jährlich rund 111.000 MINT-Akademiker - davon rund 70 Prozent Ingenieure.

Erste-Hilfe-Maßnahmen
Industrie und Ingenieurdienstleister greifen längst zur Selbsthilfe, da es für beide gleichermaßen schwierig ist, qualifizierte Ingenieure auf dem Bewerbermarkt zu finden. Umso wichtiger ist es, die eigenen Mitarbeiter kontinuierlich weiterzubilden und zu qualifizieren. Allein im Jahr 2008 hat beispielsweise die Euro Engineering AG rund drei Prozent in die Aus- und Weiterbildung der Mitarbeiter investiert. Aber die Ziele sind ehrgeiziger. Hans-Jürgen Poege, Vorstand von Euro Engineering: "Wir bieten Ingenieuren, Technikern und technischen Zeichnern, die bei uns arbeiten, auch Grund- und Aufbaustudiengänge an Hochschulen an." So absolvieren zurzeit Mitarbeiter den berufsbegleitenden Studiengang "Bachelor of Engineering" an der Berliner Steinbeis-Hochschule. Andere studieren an der Staatlichen Studienakademie Glauchau die Fächer Elektro- und Produktionstechnik oder belegen an der Hochschule Landshut den MBA-Studiengang Industrie-Marketing und technischer Vertrieb. Diese Entwicklungsmöglichkeiten fördern nicht nur die Mitarbeiterbindung "Wir bilden damit auch unseren eigenen Ingenieurnachwuchs aus", so Vorstand Poege.

Frauen in MINT-Berufen
Um vom Umgang mit dem MINT-Mangel anderer Länder zu lernen, lohnt sich ein Blick über die Grenzen. Die Ingenieurinnenquote liegt in Deutschland bei nur elf Prozent - in anderen europäischen Ländern wie Schweden oder Bulgarien bei über 25 Prozent. Fragt man die Ingenieurinnen hierzulande nach einer Einschätzung ihrer Berufsmöglichkeiten, sprechen sie vor allem von fehlenden Aufstiegschancen und der fehlende Möglichkeit, Beruf und Familie zu vereinbaren. Nur sieben Prozent sind der Meinung, dass sich Beruf und Familie gut vereinbaren lassen, so eine aktuelle VDI-Umfrage unter 500 Ingenieurinnen. VDI-Direktor Dr.-Ing. Willi Fuchs mahnt an: "Wir müssen mehr Frauen für Ingenieurberufe begeistern - ein großes ungenutztes Potenzial für den Technikstandort Deutschland. Unternehmen sollten Modelle schaffen, die Frauen Beruf und Familie besser vereinbaren lassen."

Darüber hinaus sind innovative Konzepte gefragt. Wer beispielsweise frühzeitig den Kontakt zu den Ingenieurstudierenden aufnimmt, sichert sich dadurch qualifizierten Nachwuchs, beispielsweise durch Praktikantenprogramme, die Vergabe von Abschlussarbeiten und Praxisprojekte.

Handlungskonzepte gefragt
Acht von zehn der VDE-Mitgliedsunternehmen glauben nicht, dass sie ihren Bedarf an Fachkräften zukünftig ausreichend decken können. Insbesondere für die Bereiche Planung, Projektierung, Engineering und F & E werden Elektroingenieure gesucht. Geht es mit der Wirtschaft wieder aufwärts, expandieren Unternehmen und brauchen neue Mitarbeiter. VDI-Direktor Willi Fuchs: "Selbstverständlich stellt die Wirtschaftskrise Ingenieure auf die Probe. Allerdings geben die neuen Konjunkturdaten Anlass zur Hoffnung, dass es bald aufwärts geht und wieder mehr Ingenieure gesucht werden."

Das Dilemma bleibt: Auch wenn Daten und Szenarien zum MINT-Mangel transparent und nachvollziehbar sind, ist es ungleich schwieriger Handlungskonzepte zu entwickeln. Gerade kleine und mittelstständische Unternehmen stehen vor besonders schwierigen Herausforderungen. Auf fertige Rezepte können Personalplaner nicht zurückgreifen. Ein Grund mehr, das Thema auf den ersten Platz der Agenda zu setzen, um vorbereitet zu sein.
 
Von Christiane Siemann