Fachkräftemangel hausgemacht

Auf den ersten Blick scheint es unlogisch: 3,8 Millionen Menschen sind ohne Arbeit, während Unternehmen händeringend nach Fachkräften suchen. Ingenieure und Informatiker, aber auch Schweißer und Fräser sind kaum aufzutreiben. Die bittere Wahrheit: Technische Berufe faszinieren den Nachwuchs nicht mehr. Und dafür gibt es triftige Gründe.

Das Jammern über die angebliche Aussichtslosigkeit, geeignetes Personal zu finden, lässt tief blicken. Wie Berater von Arbeitsagenturen berichten, werden jeden Tag Unternehmer vorstellig, die unbedingt osteuropäische Fachkräfte einstellen wollen, nach deutschen Kräften aber erst gar nicht fragen. Mittelständler beklagen, keine geeigneten Leute zu finden, obwohl sie nachweislich kaum Lehrlinge ausgebildet haben in den letzten Jahren. 52 Prozent aller Betriebe in Bayern bilden nicht mehr aus. "Keine Zeit", heißt der am meisten genannte Grund.

Zeit für Selbstkritik. Die landauf, landab artikulierte Sorge, keine Mitarbeiter aufzutreiben, verdeckt nicht selten hausgemachte Fehler aus der Vergangenheit. Denn Fachkräfte im eigenen Betrieb auszubilden ist betriebswirtschaftlich sinnvoller, als unter Druck um jeden Preis zu rekrutieren. Mitarbeiter vorzeitig auszusondern, weil Ältere scheinbar weniger leistungs- und lernfähig sind, ist nicht minder kontraproduktiv. Andersherum handeln Betriebe, die in die Aus- und Weiterbildung investieren und den Begriff "Jugendwahn" aus ihrem Sprachschatz gestrichen haben, auch volkswirtschaftlich vernünftig. Zwar bevölkern aktuell geburtenstarke Jahrgänge den Arbeits- und Studienmarkt. Jedoch spätestens 2010 ist damit Schluss: Die Rekrutierungsprobleme, mit denen Unternehmen heute konfrontiert sind, dürften in fünf Jahren nur noch müde belächelt werden. Auf der sicheren Seite sei, rät das Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), wer schon heute umdenkt und Frauen, Ältere und Arbeitslose mit Programmen umwirbt, die Weiterbildung fördern und Mitarbeiter helfen, Familie und Beruf zu vereinbaren.

Einstellungspolitik sollte langfristigen Zielen zu dienen statt sich lediglich nach Moden oder den auf schnellen Gewinn getrimmten Finanzmärkten auszurichten. Platzten die Hörsäle Ende der Achtziger Jahre vor Studierwilligen aus allen Nähten, fanden 1994 selbst Absolventen eines Maschinenbaustudiums mit der Note 1,5 keine Stelle. Stiegen die Studentenzahlen in der Informatik Ende der Neunziger Jahre auf ein Allzeithoch, weil im Internet- und New-Economy-Wahn selbst seriöse Banker und Berater keinen Pfifferling mehr auf die "alte Wirtschaft" gaben, führte fünf Jahre später der Weg vieler Absolventen direkt von der Uni zum Arbeitsamt. Das alles sitzt tief in der Erinnerung der Menschen. Ebenso schmerzhaft brennt sich die seit rund zehn Jahren zu beobachtende Verlagerung von Arbeitsplätzen in ferne Länder in die kollektive Wahrnehmung ein. Der unter "Siemensianern" seit Generationen weitergegebenen Empfehlung: "Hier hast Du Arbeit fürs Leben" traut doch niemand mehr, es sei denn, er handelte fahrlässig. Statt zum Ingenieur- und Informatikstudium raten Eltern ihren Kindern eher zu Jura und Betriebswirtschaft, bestätigt Arndt Bode, Vizepräsident der TU München. "Für ein technisch-naturwissenschaftliches Studium entscheiden sich heute 25 Prozent weniger Studenten als vor zehn Jahren."

Der einst so beliebte und ehrwürdige Berufsstand des Ingenieurs steckt tief in der Krise. Dagegen kann auch die derzeit allfällige Personalwerbung nichts ausrichten, bei der einen das Gefühl beschleicht, alles schon einmal erlebt zu haben. Doch von der vordergründigen Einstellungspolitik lassen sich immer weniger Kandidaten blenden. Ihnen ist nicht entgangen, wie wenig sie den Firmen tatsächlich wert sind, sobald sich der Wind dreht. Droht bald "Hire and fire" wie in Amerika? "Alle Absolventen werden gleich nach dem Examen von der Industrie weggeheuert", sagte unlängst ein Studienberater der Informatik an der TU München. Mal sehen, was aus ihnen wird.
 
Von Winfried Gertz