Englisch-Niveau mangelhaft - schlechter Ruf vorprogrammiert

Englisch ist Fremdsprache Nummer eins. Immer mehr Berufstätige müssen sich mit internationalen Gesprächspartnern austauschen. Sattelfest in der Fremdsprache zu sein ist Einstellungsbedingung. Hört man jedoch genau hin, wird eher Kauderwelsch gesprochen.

Zwei Drittel der Verbraucher verstehen Englisch nicht. Werbebotschaften, auch wenn sie jugendlich, dynamisch und weltläufig klingen, kommen nicht an. So wird der Youtube-Slogan "Broadcast Yourself" oft mit "Dein eigener Brotkasten" übersetzt, wie die Kölner Agentur Endmark in einer Studie ermittelte. Damit können Markenartikler nicht zufrieden sein.

Englischkenntnisse sind rar
Nicht minder bedenklich ist das Englisch-Niveau im beruflichen Alltag. Zwar strotzen bestimmte Branchen, etwa die Finanzdienstleistung oder die Informationstechnik, nur so vor englischen Begriffen. Doch wie dort englisch gesprochen wird, strapaziert nicht nur die Nerven von Muttersprachlern. Im Netz finden sich viele Videos, in denen sich Fach- und Führungskräfte auf Messen und Konferenzen der Lächerlichkeit preisgeben. Selbst Politiker, die sich für international höchst einflussreiche Aufgaben empfehlen wie der neue EU-Kommissar für Energie, Günther Oettinger, sprechen ein Englisch, das sogar einem Zehntklässler schlecht zu Gesicht stünde.

Denglisch, das ungeschickt aus wenigen deutschen und vielen englischen Fachbegriffen zusammengestellte Phrasenmenü, beherrscht den Diskurs. Man ist unter sich und nimmt an, der andere werde das Kauderwelsch schon verstehen. Wahr ist auch: Denglisch verdeckt mangelnde Professionalität. "Das Imponiergefasel hat vor allem das Ziel, Dinge nicht beim Namen zu nennen", kritisiert Holger Klatte vom Verein für Deutsche Sprache (VDS).

Zwar geben sich Firmen unter Verweis auf die Globalisierung einen internationalen Anstrich. Doch es bleibt eine Ausnahme, sich aus Sicht muttersprachlicher Gesprächspartner angemessen auszudrücken. Spätestens beim Kontakt mit Menschen aus London, Dublin oder New York zeigt sich das ganze Übel: "Wird auf Konferenzen englisch gesprochen und sind Muttersprachler dabei", sagt Klatte, "übernehmen sie das Kommando, weil die Deutschen nicht auf Augenhöhe sind. Das kann empfindliche Nachteile fürs Geschäft nach sich ziehen."

Spreu vom Weizen trennen
Immer mehr Firmen trennen deshalb rigide die Spreu vom Weizen, beobachtet Julian Simons, Karrierecoach bei Jobtalk.de. "Immer öfter verlangen Arbeitgeber einen Lebenslauf in Englisch." Manchem Bewerber drohe eine böse Überraschung. Wie einer Absolventin, die sich bei der Daimler-Gruppe beworben hatte. Ohne Vorwarnung führten die Personaler das Gespräch auf Englisch. "Schließlich hatte die Kandidatin im Lebenslauf angegeben, dass sie die Sprache beherrscht", erläutert Simons. Doch sie versagte, der Job war futsch.

Bei der Einstellung auf zentrale Kompetenzen zu achten, ist wichtig - aber nicht genug. Bis in höchste Positionen wird sprachlich dilettiert. So testet Simons potenzielle Management-Kandidaten - mit bescheidenem Ergebnis: "Viele fachlich kompetente Personen scheitern schon an einfachen Fragen." Gut fahren Unternehmen, wenn sie auf Einstellungstests setzen, auf die sich Kandidaten gezielt mit Online-Vorbereitungskursen wie etwa dem TOEFL (Test of English as a Foreign Language) oder dem TOEIC (Test of English for International Communication) vorbereiten können.

Noch wichtiger ist es, auch die Sprachqualität der Belegschaft im Auge zu behalten. Anbieter wie Berlitz, die Muttersprachler als Trainer in die Unternehmen schicken, können helfen. Sie sorgen dafür, dass die Kursteilnehmer nicht nur die Fachsprache beherrschen. "Sie sollen auch ein Gefühl für die Sprache, die Sprachmelodie, die gängigen Redewendungen und die Art der Kommunikation entwickeln", versichert Teri Erhardt von Berlitz.
 
Von Winfried Gertz