Endlich Chef?

Chef zu werden ist nicht schwer, Chef zu sein dagegen sehr. Allzu oft nämlich sind genau die Verhaltensweisen, die Ihnen zuvor zu Erfolg verholfen haben, jetzt nicht mehr angemessen und auch nicht hilfreich. Wer den eigenen Veränderungsprozess frühzeitig und aktiv vorantreibt, gibt sich selbst die Chance, auch als Chef erfolgreich zu sein.

"Frisch gekürte Führungskräfte schätzen ihre Kompetenzen oft zu hoch ein, weil die Beförderung einen starken emotionalen Aufwind auslöst", illustriert Carsten Hennig, Systemischer Berater und Führungstrainer aus Frankfurt am Main. So sähen die neuen Chefs den Grund für die Beförderung in ihren bisherigen Leistungen, und hielten daher typischerweise an bewährtem Verhalten fest. "Dass Aufgaben in der neuen Position wesentlich von früheren Aufgaben abweichen, müssen Jungmanager oft erst zu spüren bekommen, bevor sie es glauben", schildert Hennig aus seiner Beratungspraxis. Die damit verbundenen Frustrationserlebnisse ließen sich aber vermeiden, wenn die Betroffenen sich konsequent und frühzeitig über ihre neuen Aufgaben informierten und mit Hilfe von professioneller Begleitung den beruflichen Wandel nachhaltig selbst gestalteten. "Individual Change Management bedeutet, sich über das eigene Potenzial - meist der Hauptgrund für den Karriereschritt - klar zu werden und dieses strategisch zu entfalten", so der Frankfurter Coach. "Der Knackpunkt hierbei ist, die Nachwuchsführungskraft von der Notwendigkeit persönlicher Veränderung zu überzeugen".

Die neue Führungsaufgabe in drei Phasen managen
"Effektives Management von Veränderungsprozessen wird für die Führungskraft, Teams und Organisationen immer mehr zu einem Erfolgsfaktor", bestätigt Dr. Richard Streich, Professor an der Fachhochschule der Wirtschaft in Paderborn. Seiner Ansicht nach folgt die persönliche Entwicklung nach einem entscheidenden Karriereschritt - etwa einer Beförderung in die Führungsrolle - dem gleichen Veränderungsverlauf, der prinzipiell für jede Art von Change-Prozess typisch ist. Dieser lasse sich generell in drei Phasen einteilen: "Unfreezing, Change und Refreezing". Damit ist das Aufweichen, Verändern und erneute Verfestigen von Verhaltensmustern einer kürzlich beförderten Führungskraft gemeint. Laut Streich dauert es rund 18 Monate, bis eine Person, die vom Fachspezialisten zur Führungskraft aufgestiegen ist, den gesamten Veränderungsprozess durchlaufen hat, der mit einem solchen Rollenwechsel verbunden ist.

"Unfreezing", also die wachsende Bereitschaft zur persönlichen Veränderung, entwickle sich typischerweise aus der Erkenntnis, dass die gewohnten Verhaltensweisen nicht länger zu den gewünschten Ergebnissen führen. "Durch den Wechsel vom technischen Fachmann oder Sachbearbeiter zu der einer eher generalistisch orientierten Führungskraft" werden, so Richard Streich, "sehr verschiedene Anforderungen an eine Person gestellt".
Beim "Change" - der Veränderungsphase - experimentiere die Führungskraft mit neuen Verhaltensweisen. "Erst durch wiederholtes Feedback und eine Reflexion der erzielten Ergebnisse", so der Paderborner Change-Experte, könne man bestimmen, welche Verhaltensweisen "in welcher Situation am angemessensten sind".
Das "Refreezing" beinhalte schließlich das Verfestigen der neu gewonnenen Einsichten in die Wirksamkeit des experimentell erprobten Führungsverhaltens. Sofern es in dem gewünschten Erfolg resultierte, würde es weiterhin eingesetzt, erläutert Professor Streich. "Die so entstehenden Muster entwickeln sich bei wiederholter Anwendung zu neuen Routinen".

Selbstreflexion und Austesten
"Die Mauser zur Führungskraft ist mit vielen Aufs und Abs verbunden", ergänzt Carsten Hennig, "bei denen die konstruktive Sicht von außen zur Schadensbegrenzung beiträgt". Die Experimentierphase lasse sich nicht umgehen, aber gemeinsames Abwägen, Verarbeiten und Integrieren der frühen Erfahrungen als Führungskraft lindere die Ambivalenzen, mit denen die Nachwuchsmanager in ihrer Gefühlswelt zu kämpfen hätten. "Individual Change Management", so der Frankfurter Systemiker, "unterstützt als Inhalt von Führungscoaching frühzeitig den nachhaltigen Erfolg auf der neuen Position".
 
Von James E. Manham