Druck im Kessel

In der Wirtschaft bleibt nichts mehr, wie es war. Überall werden die Beschäftigten mit Veränderungen konfrontiert, die eine hohe Anpassungsbereitschaft voraussetzen. Viele Führungskräfte erhöhen den Druck, halten ihm aber selbst nicht stand.

Mitarbeitern wird immer mehr abverlangt, doch die notwendige Unterstützung bleibt in der stärker fordernden Arbeitswelt weitgehend aus. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Sigmund-Freud-Instituts der Universität Frankfurt. Mitarbeiter wie Führungskräfte betreiben demnach "Raubbau an ihren eigenen Ressourcen", für Nachhaltigkeit bleibe kein Spielraum mehr. Was diese Politik an langfristigen Kosten verursacht, steht auf einem anderen Blatt.

Anzeichen für die zunehmende Überforderung gibt es in mehrfacher Hinsicht. Neben dem zunehmenden Innovations- und Veränderungstempo wächst auch die Sorge von Mitarbeitern um ihre berufliche Zukunft. Sie beobachten, dass immer mehr "atypische" Beschäftigung wie Leiharbeit, Kurzarbeit sowie befristete und scheinselbstständige Arbeitsverhältnisse die angestammte sozialversicherungspflichtige Vollzeitstelle ablöst. Drei Viertel der Befragten sind der Meinung, dass eine längerfristige Karriereplanung im Unternehmen nicht mehr möglich ist. Vier Fünftel sind überzeugt, dass die Sorge der Beschäftigten über ihre berufliche Zukunft insgesamt zugenommen hat.

Weiterer Befund der Studie: Die Ansprüche an die Beschäftigten in Bezug auf ihre Arbeitsleistung nehmen weiter zu. Mehrarbeit als Flexibilitätsreserve wird regelmäßig abgefordert. Knapp zwei Drittel der Befragten räumen ein, dass die Mehrheit der Beschäftigten regelmäßig Überstunden leistet. Wie die Studie herausfand, sind Führungskräfte immer weniger in der Lage, ihren Aufgaben gerecht zu werden. Wie ihre Mitarbeiter leiden sie selbst unter dem Veränderungsdruck, zudem wird von ihnen erwartet, ergebnisorientiert zu führen und selbstorganisierte Formen der Mitarbeiterführung zu praktizieren. Das steigert ihre Stressbelastung exponentiell: Nur ein Zehntel der Führungskräfte, urteilen die Befragten, kommt mit dem Druck zurecht. Der Rest droht daran zu scheitern.

Chefs in der Stressfalle
Mehr und mehr scheint es zum guten Ton zu gehören, die eigene Überforderung zu zelebrieren. Stress ist für Führungskräfte inzwischen zu einem Statussymbol geworden. Dieser "Belastbarkeitsmythos", sagt Bettina Daiser vom Sigmund-Freud-Institut, ist vielfach selbst produziert. Um nicht ihre Ressourcen auf Dauer zu ruinieren und an ihrer Führungsaufgabe zu scheitern, sollten Vorgesetzte auch ihr Rollenverhalten kritisch prüfen. "Wer keine charismatische Persönlichkeit ist, sollte es auch seinen Mitarbeitern nicht vorspielen. So schützt man sich selbst vor überzogenen Ansprüchen und vermittelt auch seinem Umfeld ein Bild, mit dem man sich leichter identifizieren kann."

Der Chef muss nicht immer gut drauf sein. Wie jeder andere Kollege hat er das Recht, mal müde zu sein oder neben sich zu stehen. Auch die Bereitschaft nachzugeben macht sympathisch. "Wer stets nur 100 Prozent fordert, landet eher bei 70 Prozent. Von vornherein weniger zu erwarten, kann effektiver sein", sagt Daiser. Freilich kommen solche Botschaften nicht überall an, obwohl sie einleuchten. Den Grund kennt die Psychologin zu gut: Je höher Führungskräfte aufsteigen, umso stärker wollen sie sich abgrenzen. Oben weht ein eisiger Wind, man ist mit sich allein. Mitgefühl ist nicht zu erwarten. Irgendwann wird der Mensch ein Über-Mensch, stellt unerfüllbare Forderungen und mimt den Superstar. Spätestens jetzt ist der Coach gefordert, den Egotrip zu beenden.
 
Von Max Leonberg