Doping für den Studienabschluss

Mit dem Medikament Ritalin wird eine angeborene Stoffwechselerkrankung im Gehirn von Kindern und Jugendlichen behandelt, die allgemein bekannt ist unter den Kürzeln ADS oder ADHS. Der rasante Anstieg der verordneten Menge des Wirkstoffes Methylphenidat seit 1993 um das 42-fache zeigt aber, dass vor allem immer mehr Studenten und Berufsanfänger Ritalin, neudeutsch verharmlost als "Vitamin R", ohne entsprechende Diagnose als Dopingmittel missbrauchen.

"Zwei Tage vor Abgabe der Magisterarbeit ging plötzlich nichts mehr vorwärts", gesteht die Studentin Renate Berg. "Diesmal war einfach jede willkommene Ablenkung wie Abspülen oder E-Mails schreiben wichtiger als die letzten Seiten der Arbeit. Also hab ich mir über eine Freundin die chemischen Helferlein besorgt und wie im Rausch weiter gearbeitet."

Dem Stress mit Abhängigkeit entgegenwirken
Das Zauberwort für den gestressten Studenten von heute heißt Ritalin oder Modafinil - Medikamente, die eigentlich Kindern und Jugendlichen mit Aufmerksamkeitsdefiziten verschrieben werden. Doch was für die Konzentrationsfähigkeit eines kindlichen Zappelphilipps gut ist, kann für den ablenkungsgefährdeten Endzwanziger nicht schädlich sein. Oder vielleicht doch?

Gesicherte Erkenntnisse, welche Nebenwirkung Mittel gegen Hyperaktivität bei gesunden Menschen haben können, gibt es bisher wenige. Eine Langzeitstudie von Mainzer Forschern und kanadischen Wissenschaftlern soll bis etwa 2011 verwertbare Ergebnisse liefern. Klar ist jedoch, dass für die Wissenschaftler der Effekt einer Leistungssteigerung bei gesunden Menschen äußerst gering ist und zu einer psychischen Abhängigkeit führen kann.

Drogen zur Steigerung der Konzentrationsfähigkeit gab es schon immer. Während in den 1980er-Jahren Kokain die Modedroge der Reichen und Kreativen war und Ecstasy dem Partyvolk in den 1990ern endlose Wochenenden bescherte, kehrt Anfang des 3. Jahrtausends im Umgang mit Drogen nüchterne Effizienz ein. Junge Leistungsträger von heute kaufen ihre Drogen nicht an dunklen Straßenecken, sondern in der Apotheke oder im Internet. Das kriminelle Schmuddelimage herkömmlicher Drogen passt nicht zum eher unsinnlichen Tuning der Maschine Gehirn.

Nach Ursachen suchen, statt Symptome zu bekämpfen
Auswege und Lösungen sind hier schwer zu finden, denn erstmal muss jeder für sich entscheiden, inwieweit er den Eingriff dieses "Hirndopings" bei seinem Körper zulässt. Konsumenten von Ritalin oder ähnlichen Psychopharmaka sollten sich fragen, warum sie einer Sache nicht gewachsen sind und deshalb glauben, von außen nachhelfen zu müssen. Liegt es an mangelnder Vorbereitung, schlechter Zeitplanung oder intellektueller Überforderung?

Eine gesunde Alternative zum Griff in den Medikamentenschrank sind ausreichender Schlaf, Lernen und Arbeiten mit Abwechslungen zu unterbrechen und sich für ein hohes Konzentrationspensum mit Spaß zu belohnen. Denn sonst müssen wegen des "poor man's cocaine" bald wirklich Dopingkontrollen im Hörsaal eingeführt werden.
 
Von Manuel Boecker