Die deutsche Sprache in neuer Form

Aus dem gründerzeitlichen "Prinzipal" wurde der "CEO", eine heulende Schalker Fußballmannschaft wurde zum "Meister der Herzen" verklärt und das schlichte Wort Besenkammer errang mit Boris Becker eine völlig neue Bedeutung. Die ersten neun Jahre des Jahrtausends brachten eine Fülle an Wortneuschöpfungen und Umdeutungen in der täglichen Verständigung.

Die deutsche Sprache ändert sich ständig - und das seit Jahrzehnten und nicht immer zu ihrem Besten. So lassen sich die Entstehung bestimmter Wörter und Idiome klar einer bestimmten Dekade oder sogar einem konkreten Ereignis zu ordnen. So schmunzelt man seit Ende 2000 über die eben erwähnte Besenkammer und den dazu gehörigen "Samenraub" und Eggenfelden ist den Deutschen durch einen talentfreien Superstar-Kandidaten der ersten Staffel zum Begriff geworden.

Denglisch gefällig?
Daneben wird unser Wortschatz permanent durch peinliche Eins-zu-eins-Übersetzungen aus dem Englischen mit überflüssiger, weil nur scheinbarer Weltläufigkeit überschwemmt. So ist es problemlos möglich einen Dialog zweifelsfrei in die "Nuller-Jahre" zu verlegen, wie das folgende kleine Beispiel zeigt:

Key Account Manager Hartmann hat sein SUV auf dem Firmenparkplatz abgestellt, betritt die Teeküche und ist erstaunt über neue Gadgets und Features in der Kaffeeherstellung. "Beim Frühstück sind wir mittlerweile echt gut aufgestellt, gerade bei der Zubereitung des Kaffees haben Sie Ihre beste Leistung abgerufen, Frau Hohstedt." Nachdem die Angesprochene kurz einen Anruf auf ihrem Handy weggedrückt hat, antwortet sie: "Hallo? Ich mein, das kommuniziere ich schon lange, etwas anderes als Natur pur geht gar nicht in der heutigen Zeit. Können Sie mir übrigens einmal mehr die Milch reichen?" "Natürlich, gerne. Auch diese Auswahl an Cerealien ist extrem okay, dadurch wird wirklich die ganze Abteilung aufgepimpt, das müsste ich mal dem Vorstand forwarden. Und Kaffee to go, das erinnere ich gar nicht aus meiner letzten Firma ..."

Sprachliche Eigenheiten
Solche oder ähnliche Dialoge dringen aus deutschen Büros nach draußen und machen unsere Welt noch uniformer, als sie eh schon ist. Wie in jeder Epoche tragen natürlich auch Behörden und Politik zur sprachlichen Verhunzung bei. Vor zehn Jahren zuckte noch niemand bei dem Wort "Schläfer" zusammen und die "Luftverschmutzungsrechte" fanden selten den Weg aus einem Gesetzestext in die Nachrichten. Welche Variante eines eingedeutschten Kürzels übrigens gesellschaftsfähig wird, lässt sich meist nicht logisch begründen. Denn warum sich beispielsweise beim Verschicken einer Textnachricht das "i" als Vokal durchgesetzt hat und diese Tätigkeit nicht "sumsen" oder "somsen" genannt wird, wäre eine Untersuchung wert.

Man kann nur hoffen, dass Wörter wie "Guidomobil", "Ich AG" oder "Papstgolf" irgendwann auf dem Friedhof für untergegangene oder ausgestorbene Begriffe landen, auf dem die Texashose, als Bezeichnung für eine Jeans, oder die Winkelehe, d. h. eine heimliche Ehe ohne Trauschein, schon lange liegen.
 
Von Manuel Boecker