Die Macht der Stimme

Wer mit voller Stimme spricht, wirkt kompetent, gilt als Autorität, setzt sich in Meetings gelassen durch. Gepiepse, Geschnarre und Genuschel indes gehen gnadenlos unter. Sprechtraining beim Profi hilft - und stärkt die Persönlichkeit.

Hört Ihnen keiner zu? Gehen Ihre Vorschläge unter? Wird Ihnen das Wort abgeschnitten? Dann stimmt etwas mit Ihrer Stimme nicht. Laut Albert Mehrabian, ehemals Professor für Psychologie an der University of California in Los Angeles, hängt die Wirkung eines Menschen zu 38 Prozent von seiner Stimme ab und nur zu 7 Prozent von dem, was er sagt. (Das Aussehen freilich schlägt mit 55 Prozent zu Buche - aber darum soll es hier nicht gehen.)
"Die Stimme muss stimmig sein", erklärt Gisela Jörgens, diplomierte Opernsängerin und Sprechtrainerin aus Frankfurt am Main. "Wenn Ihre Stimme genau das rüberbringt, was Sie ausdrücken möchten, fühlen sich Ihre Zuhörer wohl und folgen Ihnen gern." Passen Aussage und Stimme nicht zusammen, löst das Irritationen oder sogar Ablehnung aus. Das gleiche gilt, wenn die Stimme nicht zur Person passt. "Frauen in Männerberufen sprechen oft viel zu tief", weiß Gisela Jörgens. Sie versuchten so, "ihren Mann zu stehen". Leider steigerten sie so nicht ihre Autorität, sondern wirkten lediglich gekünstelt und ruinierten auch noch ihr Sprechorgan. Statt tief, sollten Frauen lieber deutlich sprechen, um ihre Kompetenz überzeugend zum Ausdruck zu bringen.

Für Männer und Frauen gleichermaßen gilt: "Sie sprechen viel zu schnell und viel zu hastig", so Sprechtrainerin Jörgens. Wie das kommt, zeigen die folgenden Sätze (bitte laut lesen): Wer keine Pausen macht, atmet zu flach, spricht ziemlich monoton, wirkt deshalb langweilig, und wird auch, wenn er noch schneller und hastiger spricht, leider nicht interessanter. Drosseln Sie also Ihr Tempo. Formulieren Sie klare Sätze. Variieren Sie Satzlängen, Sprachmelodie und Sprechtempo. Senken Sie an jedem Satzende Ihre Stimme. Und unterstreichen Sie Ihre Aussagen mit gut gesetzten Pausen.
Lippen und Zunge brauchen eine gute Grundspannung und müssen beweglich sein, damit die Artikulation gelingt. Laut Jörgens hilft ein Aufwärm-Training mit Sätzen wie "Tante Trude tanzt Tango, Twist und Tarantella". Ein verbissener Kiefer lässt sich mit Gähnen und tiefem Ein- und Ausatmen lösen. Allgemeine Nervosität werden Sie los, wenn Sie eine Hand ganz fest zur Faust ballen und dann die Spannung lösen - Sie atmen dann automatisch tief durch.

Wer seine Stimme trainieren will, findet heute viele Bücher mit Übungs-CDs im Handel. Besonders effektiv aber ist ein Training beim Profi, das ganz individuell auf die Herausforderungen der einzelnen Stimme eingeht. Der Trainer sollte Gesang, Schauspiel oder Sprecherziehung studiert haben, und laut Gisela Jörgens vor allem "gute Ohren und viel Einfühlungsvermögen" mitbringen.
Ein Ziel des Sprechtrainings ist es, die sogenannte Indifferenzlage herauszufinden - in dieser Lage klingt die Stimme schön und voll. Sie befindet sich im unteren Drittel der Sprechstimme und lässt sich zum Beispiel durch leises Summen ("mmmmmmmh") ermitteln. Wer in dieser Stimmlage spricht, muss sich beim Sprechen nicht anstrengen und wird deshalb auch nicht heiser.

Im Sprechtraining können auch neue Ausdrucksmöglichkeiten erprobt werden. Dabei kann es durchaus zu Überraschungen kommen: ein nuschelnder Manager etwa erschrickt womöglich selbst vor seiner messerscharfen Argumentation, wenn er endlich deutlich wird. Eine eher leise Führungskraft staunt über den eigenen Brustton der Überzeugung. Eine piepsende Managerin weicht vor ihrer voluminösen Altstimme zurück, die ihr in Meetings minutenlang Gehör verschaffen könnte. Und eine weibliche Führungskraft, die bisher mit Bassstimme brummte, stellt erstaunt fest, wie viel leichter Sprechen - und Führen - sein können.
Gerade weil Stimme und Persönlichkeit so eng zusammen hängen, bringt Stimmtraining viel mehr als schönen Schall. Gisela Jörgens unterstreicht: "Stimmtraining erfordert Mut."
 
Von Anne Jacoby