Die Gefahren der demografischen Entwicklung

Die Globalisierung schreitet immer weiter voran und nicht nur das System Arbeit steht angesichts dieser Veränderungen vor einem tiefgreifenden Umbruch. Auch der Personalmarkt dürfte auf absehbare Zeit von Grund auf umgekrempelt werden. Was womöglich auf die Wirtschaft zukommt, skizzierte der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Norbert Walter, unlängst auf einem Münchener Personal-Forum.

"Globalisierung ist wie Schwerkraft", sagt Walter. "Man muss aufpassen, dass einem die Steine nicht auf den Kopf fallen." Vieles, was Wirtschaft und Gesellschaft unmittelbar bevorsteht, wie etwa die Auswirkungen der demografischen Entwicklung und die ökonomische Revolution in den Schwellenländern sei schon lange bekannt - aber weitgehend ignoriert worden. Walter legt den Finger in die Wunde: "Entscheidungsträger müssen endlich nach vorn schauen und sich nicht nur damit befassen, Unannehmlichkeiten aus dem Weg zu gehen."

Dann lässt Walter Fakten sprechen. So werde die kommende Generation in Japan wie in Deutschland vom Umfang her betrachtet um ein Drittel schrumpfen. "Bildung zeugt Bildung", erklärt Walter, "aber Bildungsbürger zeugen zu wenig." 35 Prozent der Akademikerinnen blieben ohne Kinder, während sich 40% der Männer mit Hochschulbildung ebenfalls nicht an der gesellschaftlich notwendigen Reproduktion beteiligten. Viele seien Einzelkinder, von ihren Müttern verwöhnt und deshalb schlecht vorbereitet, soziale Verantwortung zu übernehmen.

Diese Entwicklung zeichnet sich laut Walter auch in Osteuropa und Fernost ab. Freilich in ungleich höherem Tempo: Staatliche Programme wie in China und Indien führen unmittelbar dazu, dass die Zahl der Einzelkinder wächst, während die Zahl der Abtreibungen des vermeintlich unerwünschten weiblichen Nachwuchses dramatisch zunimmt. Hinzu kommt eine im Vergleich zu Kontinentaleuropa umgekehrte demografische Entwicklung in muslimisch geprägten Ländern, wo bereits heute zweieinhalb Mal mehr Kinder auf die Welt kommen als hierzulande. Auch und gerade dort sind Wunschkinder männlich, aber ohne Perspektive, in ihrer Wirtschaft wirklich gebraucht zu werden.

"Wahrscheinlich werden wir in den nächsten Jahrzehnten eine Wanderung unvorstellbaren Ausmaßes erleben", erwartet der Volkswirt. "Aber ist die Wirtschaft darauf vorbereitet?" Trotz des hohen Zuwanderungsdrucks, der sich künftig abzeichnen wird, könne die demografische Delle nicht mit Arbeitskräften aus dem Ausland ausgeglichen werden. Deshalb müssen Kinder mit fünf in die Schule, während ausländische Kinder aus bildungsfernen Schichten gezielt von deutschen Paten betreut werden sollten. "Wir benötigen mehr engagierte Eltern und mehr private Initiativen, denn das staatliche System schafft das nicht mehr."

Doch damit nicht genug: Der noch vor wenigen Jahren von vielen geträumte Traum vom Ruhestand mit 60 oder gar früher dürfte wohl endgültig ausgeträumt sein. Die heute unter 40-Jährigen werden laut Walter bis 70 arbeiten müssen. Um dies überhaupt leisten zu können, müssten sie bereits heute viel für die Gesundheit tun. Und Fach- und Führungskräfte, die jetzt schon einen Mangel darstellen, werden in Zukunft "20 Prozent länger arbeiten", kalkuliert Walter. Wie sollte das gehen? Walter hat verblüffende Antworten parat: Zeit gewinnt man, indem man den auf täglich gut vier Stunden bezifferten Medienkonsum erheblich reduziere. Und wie erhöht man die Verfügbarkeit von qualifizierten Kräften? Walter: "Viele müssen sich selbstständig machen. Wer auf eigene Rechnung arbeitet, ist an 50 oder 60 Stunden Arbeit gewöhnt. Uns bleibt nichts anderes übrig."
 
Von Winfried Gertz