Die Führung - alles andere als rational

Um den Erfolg von Führung durch den Menschen wahrscheinlicher zu machen, hat die Wissenschaft seit jeher nach Wegen gesucht, die Auswahl von Nachwuchsführungskräften oder das Training von Führungsverhaltensweisen zu optimieren. Dabei musste sie allerdings erkennen, dass es "optimale" Führungspersönlichkeiten oder -verhaltensweisen an sich nicht gibt.

"Führung ist Einflussnahme", erklärt Prof. Dr. Lutz von Rosenstiel. Im Unternehmen könne dies - unabhängig von Personen - durch Strukturen, Vorschriften oder Regeln erfolgen. Stütze man sich allerdings allein darauf, dann erstarre die Organisation, weiß der renommierte Organisations- und Wirtschaftspsychologe. Laut Rosenstiel ist also die Führung durch den Menschen ebenfalls erforderlich. Gleichzeitig muss die jeweilige Führungssituation stets mit bedacht werden, doch auch hier ist Vorsicht geboten: "All diese Ansätze gehen von einem klaren Konzept der Rationalität aus", wirft Lutz von Rosenstiel ein. Durch die Optimierung bestimmter Bedingungen käme es zum erwünschten Führungserfolg, "zunehmend erkennt man allerdings", so Rosenstiel, "dass auch vielfältige, irrationale Komponenten im Führungsverhalten liegen".

Führung ist auch bestimmt durch irrationale Faktoren
Varianten der Führungstheorie, wie zum Beispiel "situative Führung", seien Rationalisierungsversuche, argumentiert Prof. Dr. Oswald Neuberger. "Sie verkopfen Prozesse der Macht und der Interessendurchsetzung", so der Psychologe und Wirtschaftswissenschaftler, "und nehmen ihnen durch den Anschein der Kalkulierbarkeit ihren unberechenbaren Charakter". Die Frage nach dem optimalen Führen behandle das Führungsproblem als ein technisches. "Es wird unterstellt, dass es ein in sich stimmiges und allen bekanntes Zielsystem gibt", führt Neuberger aus. Implizit seien dessen Komponenten transparent und messbar, so dass eine "präzise Entscheidungsregel" angewandt werden könne, um den jeweiligen Führungserfolg zu maximieren.

Die Gelehrten sind sich einig: Typischerweise wird ohne Kenntnis eines Großteils der Handlungsmöglichkeiten oder Informationen geführt. "Normalerweise liegt kein widerspruchsfreies Zielsystem vor". Die Zuordnung von Werten und Ereignissen sei meist mehrdeutig, eindeutige Entscheidungsregeln existierten oft nicht, und normalerweise sehen sich Führungskräfte mit Widersprüchen und einer Fülle an Interpretationsmöglichkeiten konfrontiert. In solchen Fällen, so die Experten, könne es daher prinzipiell - und nicht etwa aufgrund mangelnder Führungskompetenz - kein technisch-rationales Führungsverhalten geben. Fazit: "Führung ist im Wesentlichen irrational".
 
Von Carsten Hennig