Der schwierige Kollege

Mit den Kollegen ist es so wie mit den Nachbarn: In der Regel kann man sie sich nicht aussuchen. Wenn jemand darunter ist, der mit seinem Verhalten ständig für Unmut sorgt, kann das tägliche Miteinander anstrengend werden. Wie lassen sich schwierige Menschen aushalten?


"Jeder Mensch ist ein Labyrinth - der eine ist mehr, der andere weniger verknotet", ist Führungs-Coach Dr. Winfried Prost überzeugt. "Das ist der Grund, warum wir manche Mitmenschen einfach nicht verstehen." Hat man es im Alltag ständig mit einem schwierigen Kollegen zu tun, sei es wichtig, diesen besser kennenzulernen - nur so könne man die Situation verändern, meint der Coach. Wenn jemand als "schwierig" charakterisiert wird, kann das viele Gründe haben: Er ist ein Sonderling, der sich nicht ins Team eingliedern will; sie sucht ständig das Gespräch mit Kollegen, obwohl sie sich eigentlich eigenständig mit einer Aufgabe befassen soll; er zeigt sich auffällig dominant und versucht ständig, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Die Liste der Schwierigkeiten, die man mit Kollegen haben kann, ließe sich beliebig fortsetzen.


Mit Aufmerksamkeit und Empathie zu Verständnis gelangen

Die meisten Menschen reagieren auf solche Störenfriede genervt und versuchen, sie zu ignorieren. Auf Dauer ist das aber in einer Abteilung, in der die Kollegen eng aufeinander hocken, nicht möglich. Daher rät Führungs-Coach Prost: "Finden Sie heraus, warum der Kollege sich so und nicht anders verhält." Die Kunst sei, den anderen zu durchschauen und ihn dadurch besser einzuschätzen. Eine Beziehung zu jemandem aufbauen, den man eigentlich nicht leiden kann? Keine leichte Aufgabe - aber lösbar, wenn man sich auf sein Gegenüber einlässt.

Zuhören und abstrahieren heißen hier die Schlagworte: "Achten Sie zum Beispiel darauf, was der Kollege im Small Talk über sich erzählt", so Winfried Prosts Vorschlag. So berichtet der Team-Ignorant vielleicht, dass er jeden Morgen seine Sportschuhe anzieht und allein seine Runden durch den Wald dreht. Außerdem geht er jeden Sommer auf eigene Faust mit seinem Rucksack zwei Wochen in die Berge. Fazit: Offenbar ist er ein Mensch, der gern allein ist und zu viele Menschen um sich herum eher als unangenehm empfindet. Hat man dies herausgefunden, erklärt sich, warum der vermeintliche Eigenbrötler einfach empfindlich auf zu große Menschenmassen reagiert. Statt ihn zwanghaft ins Team zu integrieren, könnte man ihm lieber seine Freiheiten lassen und Aufgaben geben, die er allein lösen kann.


Jedem seine Nische
Ähnlich kann es bei der Kollegin ausschauen, die ihre Abteilung mit ständigem Geschwätz nervt. Wer genau hinschaut, entdeckt vielleicht, dass sie auf Fotos ständig von zahlreichen Freunden und Bekannten umringt ist. Zudem erwähnt sie, dass sie zusammen mit vielen Geschwistern aufgewachsen ist. Kein Wunder also, dass es für sie eine Strafe ist, allein im stillen Kämmerlein zu sitzen, ohne sich mit anderen auszutauschen. In einer Gruppe würde sie viel effektiver arbeiten.

Auf diese Weise kann man fast immer Gründe für das vermeintlich schwierige Verhalten des Kollegen finden - und damit sein Verhalten anerkennen. Man muss versuchen, den Boxring zu verlassen und eine Beziehungsebene mit dem Kontrahenten zu suchen, betont Winfried Prost. Menschen an sich könne man nicht ändern, so der Coach, "aber man kann eine Gebrauchsanweisung finden, die das Zusammenleben mit ihnen einfacher macht."
 
Von Sabine Olschner