Der Star ist nie die Mannschaft

In der Wirtschaft sowie im Sport gilt das Team mehr als die Summe seiner einzelnen Teile. Einer von wenigen Kritikern dieser These ist der ehemalige Fußballspieler Paul Breitner, Weltmeister mit der Deutschen Nationalmannschaft 1974. Er ist überzeugt: Wer Erfolg haben will, muss seinen eigenen Weg gehen.

Erfolg, sagt Breitner, lässt sich nur mit einer gereiften Persönlichkeit erzielen. Die aktuell vorherrschende Annahme, die Leistung von Teams sei höher zu bewerten als die des Einzelnen, ist für den Ex-Kicker ein Trugschluss. Statt mit Persönlichkeiten habe man es immer mehr mit Mitläufern zu tun, kritisiert Breitner. Sie tauchten in der Masse ab, um aus ihr heraus "feige" zu reagieren. "Der ureigenste Wunsch der Mittelmäßigen ist es, niemanden über sich zu haben."

Doch wie wird man eine Persönlichkeit, "the winner who takes it all"? Auf dem "Deutschen Vertriebsleiterkongress" Anfang April in München stellte Breitner ein zehnstufiges Programm vor, das sich auch an karriereorientierte Fach- und Führungskräfte richtet. Ausgangspunkt ist der Sieg über sich selbst, "the biggest point". Ehe man in seiner Karriere durchstartet, sollte dieser Wille unumstößlich aufgebaut worden sein. "Ich war ein Besessener", erinnert sich Breitner, der mit 13 zusätzlich zum offiziellen Training jeden Tag für mehrere Stunden seine Ballfertigkeit einübte. "Nur wer noch Kondition und Technik bolzt, wenn die anderen schon unter der Dusche stehen", sei für höhere Aufgaben berufen.

Stufe zwei ist das hochgesteckte Ziel. "Ich wollte unbedingt Nationalspieler werden", sagt Breitner. Das im ersten Profijahr erzielte Grundgehalt von 800 Mark gab ihm die Chance zu studieren und von den Eltern unabhängig zu sein. Damit eng verknüpft sei die "Bereitschaft zu lernen": seinen Körper zu beherrschen oder seine Ressourcen richtig einzuordnen, Fehler zu erkennen und daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen.

Wer weiterkommen will, muss laut Breitner, ernsthaft zu Werke gehen, ohne den Spaß zu kurz kommen zu lassen. Ein guter Trainer oder Vorgesetzter verstünde es ausgezeichnet, den Einzelnen immer wieder über seine Leistungsgrenzen hinaus zu führen. Ein heikler Aspekt ist die "Kollegialität als Einzelkämpfer". Die Forderung "Elf Freunde müsst Ihr sein" hält Breitner dagegen für Nonsense. Wichtig sei, dass alle die gleiche Absicht hätten zu gewinnen, dafür zu kämpfen und sich dabei auf den anderen verlassen zu können. "Aber vor und nach den Spielen sind wir oft in der Kabine aneinander geraten."

Ähnlich argumentiert Breitner in Bezug auf "Leistungsbereitschaft" und den "hohen Anspruch an sich selbst". Selbst wenn nicht alle im Team dazu in der Lage seien, müsse stets der Wille vorherrschen, alles zu geben. Und wer etwas erreichen wolle, dürfe nie zufrieden sein. "Er muss sein eigener schärfster Kritiker sein", hingegen die Kritik aus Zeitungen ignorieren. Erfolgsorientierte Persönlichkeiten sind ferner selbstständig und zeichnen sich durch Verantwortungsbewusstsein aus. "Im Spiel erkenne ich, ob der Gegner stark oder schwach ist, und muss darauf bisweilen gegen die Vorgabe des Trainers reagieren." Durchschnittsteams hätten solche Spieler nicht in ihren Reihen.

Letztlich ist Erfolg laut Breitner ohne "positives Denken" kaum zu erzielen. So motivieren sich Sieger, während die Anderen ihr Gefühl der Verunsicherung oder die Angst zu versagen auf andere übertragen. Wirkliche Persönlichkeiten gehen Breitner zufolge stets ein "hohes Risiko" ein abzustürzen, könnten damit aber gut leben. "Nur ein Team, das mindestens zwei Typen dieser Art in seinen Reihen hat, kann eine Spitzenmannschaft werden."
 
Von Josef Bierbrodt