Der Berater sitzt im Bauch

Manager müssen Entscheidungen unter extrem komplexen Rahmenbedingungen treffen. Um dieses Problem zu lösen, verlassen sich die einen nur auf ihr Bauchgefühl, die anderen allein auf ihren Verstand. Beides funktioniert nicht. Klug wird eine Entscheidung erst, wenn Ratio, Emotionen und Erfahrung zusammen spielen.

Richtige Entscheidungen lassen sich heute gar nicht mehr treffen, ist Maja Storch überzeugt. In komplexen, dynamischen Szenarien seien immerhin kluge Entscheidungen möglich, so die promovierte Diplompsychologin und Psychoanalytikerin, die als Dozentin an der Universität Zürich arbeitet, außerdem als Trainerin und Coach.
Steht eine Entscheidung an, kann das Gehirn zum einen auf den Verstand zurückgreifen: Dieser arbeitet langsam und gründlich, folgt den Gesetzen der Logik und der Rationalität, erklärt die Psychologin. Zum anderen spricht es das emotionale Erfahrungsgedächtnis an: das Bauchgefühl, das seine Bewertung innerhalb von Millisekunden abgibt. Und zwar als ein schönes Vorstellungsbild oder Untergangs-Szenario; als eine angenehme Empfindung im Körper (Schmetterlinge im Bauch) oder als eine unangenehme (Klotz am Bein); als zustimmende oder warnende innere Stimme.
Mit dem Verstand entscheiden Sie kontrolliert, während sie nach Gefühl automatisch handeln. Ihre Entscheidung regelt sich dann gleichsam von selbst. Als Faustregel gilt, dass man 80 Prozent seiner Entscheidungen auf Selbstregulation und nur 20 Prozent auf Selbstkontrolle stützen sollte, stellt Storch klar. Da unsere Gesellschaft kognitive Entscheidungen aber höher bewertet als emotionale, machen es die meisten Menschen gerade umgekehrt.

Noch bis Mitte der 90er Jahre galt es als erwiesen, dass Gefühle die Leistung des Verstands beeinträchtigen. Dann zeigte Antonio Damasio, Neurologe an der Universität Iowa, dass sich vernünftige Entscheidungen ohne den Einfluss der Emotionen gar nicht treffen lassen. In seinem Buch Descartes Irrtum beschreibt er einen Patienten, der durch eine Tumor-Operation in dem Bereich des Gehirns geschädigt wurde, welcher für Empfindungen zuständig ist. Er konnte zwar Intelligenztests lösen, nicht aber komplexe Projekte bewältigen oder persönliche Probleme. Damasio folgerte daraus: Körpersignale machen effizientes Denken erst möglich.

Aber Achtung: Wer auf sein Bauchgefühl hört, sollte die Ohren spitzen es kann auch in die Irre führen. Etwa dann, wenn eine frühere Erfahrung sich nicht auf die aktuelle Situation übertragen lässt. Wer als Kind vom Vater gedemütigt wurde, sollte sich klar machen, dass sein heutiger Chef eben nicht das Familienoberhaupt aus früheren Zeiten ist. Das geht nur mit dem Verstand.
Die auf Intuition im Management spezialisierten Berater Markus Hänsel und Andreas Zeuch warnen außerdem davor, unreflektiert eigenen Denk-Schablonen, Vorurteilen, Wunschphantasien oder Projektionen auf den Leim zu gehen. Sie raten dazu, die eigene Intuition kontinuierlich mit der Ratio zu überprüfen. Oftmals ist es besser, die eigene Intuition nicht als letzte Wahrheit anzusehen, sondern sie einfach als eine bedeutsame Botschaft oder neue Perspektive zu verstehen, unterstreichen Hänsel und Zeuch. Das Bauchgefühl sei nicht dazu da, allein über Ja oder Nein zu entscheiden. Es helfe aber dabei, einen differenzierteren Blick zu gewinnen und vielleicht auch dabei, neue Fragen zu stellen.
 
Von Anne Jacoby