Der Aufstieg einer Vokabel: Work-Life-Balance

Die Arbeitswelt befindet sich seit Jahren im Wandel. Um wettbewerbfähig zu bleiben, stellen die Unternehmen immer höhere Anforderungen an ihre Mitarbeiter: qualifizierter, flexibler, mobiler sollen sie sein. Der klassische Nine-to-five-Job gehört endgültig der Vergangenheit an. Es wird heute härter und mehr gearbeitet als früher. Doch die Bedürfnisse haben sich nicht geändert: Erfolgreich im Beruf ist auf Dauer nur, wer einen Ausgleich dazu schafft.

Am Hype um das Schlagwort Work-Life-Balance sind nicht zuletzt die Frauen schuld. Immer mehr hoch qualifizierte Frauen drängen auf den Arbeitsmarkt. Und die Investitionen in gut ausgebildete Mitarbeiterinnen sollen sich schließlich auch lohnen. Die Unternehmen haben inzwischen erkannt, dass es zu teuer ist, diesen Frauen jede Chance auf den beruflichen Aufstieg zu nehmen, nur weil sie Kinder haben wollen. Aber es geht nicht nur um berufstätige Mütter. Auch der Vater in Führungsposition, der schon froh ist, wenn er den Nachwuchs nach der Arbeit überhaupt mal sieht, möchte in seiner Familie noch stattfinden. Und selbst Berufseinsteiger wünschen sich neben dem fordernden Fulltimejob ein angemessenes Stück Privatleben.

Der Zukunftsforscher Matthias Horx, Gründer des Zukunftsinstituts in Kelkheim, sieht in der Arbeit einen zunehmend sozialen Charakter. Arbeit wird immer mehr zum Selbstverwirklichungsakt. Der Beruf zur sozialen Heimat. Das Arbeitsteam ersetzt die Freizeit-Clique, schreibt er in einem Gastbeitrag zum Workfamiliy-Kongress in Frankfurt am Main. Die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit verschwimmen. Die Folge: Ein Drittel der Akademikerinnen bekommt keine Kinder und die Zeitressourcen nehmen immer mehr ab. Das wiederum bedeutet: Stress, Überarbeitung, Burnout.

Horx unterscheidet zwei Charaktertypen, die die Unternehmenskultur in Zukunft prägen werden. Zum einen gibt es die so genannten Fast Burner: Mitarbeiter, die möglichst schnell nach oben wollen. Diese Workaholics betreiben gleichzeitig Raubbau an ihrem Körper, die ersten Stresssymptome werden nicht beachtet, für Entspannung nicht gesorgt: Burnout. Die andere Gruppe nennt der Trendforscher Life-Work-Seilartisten. Das seien Mitarbeiter, die ihr Leben nach der Familie ausrichten und beim Ausbalancieren ihres Familien-Arbeits-Durcheinanders ständig Gefahr laufen, kopfüber vom Hochseil zu stürzen.

Viele Unternehmen haben das Problem inzwischen erkannt und darauf reagiert. Sie bieten ihren Mitarbeitern Betriebskindergärten, flexiblere Arbeitszeiten, Teilzeitmodelle, Telearbeitsplätze, Sportmöglichkeiten und mehr. Der Marktführer für solche Dienstleistungen ist in Deutschland das Unternehmen pme Familienservice GmbH, das mittlerweile an 22 Standorten bundesweit vertreten ist. Die Kundenliste liest sich wie ein Who-is-Who der Wirtschaftselite: Allianz, DaimlerChrysler, Deutsche Bahn, IBM, SAP - sie alle nutzten bereits den Service des Dienstleisters.

Anfangs war die Skepsis der Unternehmen groß, ob Work-Life-Balance-Maßnahmen überhaupt einen wirtschaftlichen Nutzen bringen. Eine Studie im Auftrag des Bundesfamilienministeriums von der Prognos AG aus dem Jahr 2005 untersucht ihre volks- und betriebswirtschaftlichen Effekte. Ergebnis: Von Work-Life-Balance-Konzepten profitieren nicht nur die Beschäftigten, sondern auch die Unternehmen und damit die gesamte Volkswirtschaft. Das Engagement der Firmen lohnt sich also. Das Schweizer Beratungsunternehmen prognostiziert positive Konsequenzen für Deutschland: ein höheres Bruttoinlandsprodukt, zusätzliche sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze, eine höhere Geburtenrate, niedrigere Sozialversicherungsbeiträge und einen Anstieg der Binnennachfrage. Die Produktivität pro Erwerbstätigenstunde steigt ebenfalls um 1,6 Prozent. Noch vor einigen Jahren spöttisch belächelt, ist der Begriff Work-Life-Balance nun in aller Munde - auch in den Führungsetagen der Unternehmen.