Dem Amtsschimmel Beine machen

In der freien Wirtschaft wird genau geprüft, ob ein Bewerber für die Aufgabe geeignet ist. Firmen wollen erfahren, wie es um charakterliche Stärken bestellt ist und ob sich Bewerber als teamfähig erweisen. Hier hat der Öffentliche Dienst noch großen Nachholbedarf.

Führerschein verloren, Personalausweis beantragen, neuen Wohnsitz anmelden: Wer es mit Ämtern zu tun hat, stellt sich auf muffige Bürostuben, maulende Beamte und lange Wartezeiten ein. Von der seit Jahren beschworenen Frischluft-Kur in der Öffentlichen Verwaltung fehlt meist jede Spur.

Der Bürger ist der Kunde
Das kommt nicht von ungefähr. Anders als in der freien Wirtschaft wird bei der Stellenbesetzung in der Öffentlichen Verwaltung lediglich nach formalen Voraussetzungen entschieden. Die sogenannten Schlüsselqualifikationen, die in vielen Unternehmen bereits höher bewertet werden als Schul- und Examensnoten, fristen in deutschen Behörden ein Schattendasein. Freilich sind auch hier die Anforderungen gestiegen. Für immer mehr Positionen wird akademische Bildung vorausgesetzt. Auch der Leistungsgedanke wurde aus der freien Wirtschaft übernommen.

Das hat Konsequenzen für die Einstellung und Personalentwicklung von Mitarbeitern. Die Verantwortlichen in Behörden müssen sich überlegen, ob sie überhaupt noch eine Chance haben, Bewerber auf sich aufmerksam zu machen. Anders formuliert: Wenn schon die Verdienst- und Aufstiegsmöglichkeiten vergleichsweise dürftig ausfallen, sollten zumindest die Arbeitsbedingungen überzeugen.

Wenn Bürger oder Unternehmen wie Kunden der Öffentlichen Verwaltung behandelt werden sollen, und das ist Konsens in den Rathäusern und kommunalen Einrichtungen, dann müssen auch die Umstände so beschaffen sein, dass nachgefragte Dienstleistungen mit hoher Flexibilität und ebenso hoher Kommunikationsbereitschaft angeboten werden können. Eine zentrale Rolle spielen dabei Teams. Sie sollten personell so besetzt werden, dass sich die Mitglieder gut verstehen und jeder sich gemäß seiner persönlichen Stärken einbringen kann.

Wie Ämter aufholen können
Wie in der freien Wirtschaft üblich sollten Öffentliche Arbeitgeber neben Eigenschaften auch die individuellen Denkstile von Mitarbeitern einbeziehen, um Teams optimal zu besetzen. Schließlich müssen Anforderungsprofile und Mitarbeiter zusammenpassen, nicht zuletzt um Folgekosten aus Fehlbesetzungen zu vermeiden. Benötigen analytisch denkende Menschen in ihren täglichen Aufgaben klare Herleitungen, Zahlen und Sachlichkeit, schätzen prozessuale Denker Positionen, in denen sie klar strukturiert arbeiten können.

Denkt ein Mitarbeiter eher intuitiv und kreativ, sollte die Stelle entsprechende Freiräume bieten. Dafür fühlen sich emotional denkende Mitarbeiter dort wohl, wo sie viel mit Menschen zu tun haben und sich fernab von Strukturen entfalten können. Würde dies alles endlich umgesetzt, könnte die Öffentliche Verwaltung in neuem Licht erstrahlen. Zum Wohle des Kunden.
 
Von Josef Bierbrodt