Das Maß der Dinge

Über die deutsche Sprache denke ich wenig nach, morgens mache ich den Mund auf und schon ist sie da. Aber unserer Sprache geht es nicht gut.

Sie verändert sich so stark, dass einige Experten von einem regelrechten Tod sprechen. Meiner Meinung nach kann eine Sprache nicht sterben, auch Latein nicht. Sie lebt in vielen Sprachen weiter, u.a. in meiner bayrischen Muttersprache. Jedoch hat mich eine Frage in einem Interview zum Nachdenken gebracht. Wenn Wörter sterben, werden uns dann auch die beschriebenen Gefühle und Erfahrungen fehlen?

Zum Beispiel das Wort "maßregeln". Es macht einen erheblichen Unterschied, ob man zusammengeschissen wird oder gemaßregelt. In unserem jetzigen gesellschaftlichen Leben wird das Maß nicht mehr geregelt, es herrscht das Gesetz des Individuums. Sollten Sie mir nicht glauben, dann versuchen Sie doch einmal eine Person darauf aufmerksam zu machen, dass deren ständiges Handyklingeln auf einer Beerdigung stört. Es ist aber eine Wende zu beobachten, denn immer mehr Menschen verzichten freiwillig auf dieses individuelle Lebenskonzept und schließen sich einer Gemeinschaft an, in der das Zusammenleben genau geregelt ist. Interessant ist, dass gerade junge Leute eine Sehnsucht nach klaren Maßstäben entwickeln. Beunruhigend ist die Tatsache, dass hier das Motto gilt: "Je radikaler, umso besser".

Das nächste ist: "Kritik üben". Da stelle ich mir immer vor, dass ich einen Teenager (früher Backfisch) in der S-Bahn darauf aufmerksam mache, dass die Musik, die mir aus seinen Kopfhörern entgegenplärrt, meinen letzten Nerv zieht und ich auf seine missmutige Antwort entgegne: "Ich habe nur Kritik geübt, damit ich bei dem Skinhead mit dem Ghettoblaster da drüben die richtigen Worte finde". Etwas üben bedeutet, für den Ernstfall vorbereitet zu sein. Wer Kritik übt, bereitet sich also auf einen ordentlichen Anschiss vor.

Ich denke schon, dass mit den Worten auch die Gefühle und die Erfahrungen verloren gehen und ich werde viele vermissen. Ein Servus aus Bayern (lat: "der Sklave", "der Diener" bedeutet "ich bin Dein Diener" oder "zu Diensten")
 
Von Adriane Böhm