Das Doppelleben kostet Kraft

Coming-out im Office? Diese Frage ist ein Dauerbrenner bei homosexuellen Fach- und Führungskräften. Die einen haben Angst davor, dass es nach dem Coming-out aus und vorbei ist mit der Karriere. Die anderen outen sich, weil das ewige Versteckspiel vor Chefs und Kollegen zu viel Kraft raubt. Eine Studie gibt ihnen Recht: Das Coming-out geht häufiger gut als gedacht.

"Eine pauschale Empfehlung ist nicht möglich - es kommt immer auf den Einzelfall an", erklärt der Kölner Diplompsychologe Dominic Frohn, dessen Studie "Out im Office!?" 2007 ein großes Medienecho hervorgerufen hatte. Wie offen ist die Branche? Wird Vielfalt gelebt? Je mehr Frauen in der Führungsetage arbeiteten, desto offener sei die Stimmung im gesamten Unternehmen, so Frohns Erfahrung. Und je kleiner das Unternehmen, desto offener könnten Mitarbeiter mit ihrer sexuellen Identität umgehen.

Outing noch immer ein Tabu
"Vor dem Coming-out haben Manager zumeist wenig Hoffnung auf Akzeptanz und Unterstützung, nach dem Coming-out fühlen sich viele ermutigt, weil sich ein großer Teil der Befürchtungen nicht realisiert hat", sagt Frohn, der sich als Trainer, Berater und Mediator auf die Themen Diversity, Antidiskriminierung und gleichgeschlechtliche Lebensweisen spezialisiert hat.

In vielen Fällen verbessert sich die Stimmung im Team: Ein Coming-out bedeutet einen Vertrauensvorschuss gegenüber den eigenen Leuten, eine Offenheit, die entwaffnend wirken kann. Dies zumindest zeigt seine Studie: Fast 92 Prozent der Befragten sprachen davon, dass ihre Kollegen und Kolleginnen überwiegend positiv reagierten, rund 86 Prozent berichteten über eine überwiegend positive Reaktion ihrer Führungskräfte.

Das macht Mut, dennoch ist das Coming-out am Arbeitsplatz immer noch ein Problem. Rund drei Viertel der von Dominic Frohn befragten Schwulen und Lesben haben im Job Diskriminierung erlebt, 10 Prozent der Befragten können als hoch diskriminiert gelten, die Zahl der körperlichen Übergriffe nimmt sogar zu. Kein Wunder also, dass mehr als die Hälfte am Arbeitsplatz nicht offen mit ihrer sexuellen Identität umgehen.

Geheimhalten zehrt an den Kräften
Die Folge: Psychosomatische Beschwerden, eine geringere Arbeitszufriedenheit und Identifikation mit dem Unternehmen - und insgesamt eine messbar geringere Leistungsfähigkeit. (Konkret: Unter denjenigen, die nicht offen mit ihrer sexuellen Identität umgehen, ist die Zahl der besonders leistungsfähigen Mitarbeiter nur rund halb so groß wie unter den offen lebenden.)

Warum? Das Geheimhalten kostet Kraft. Claudia Woody, IBM-Vice President of Business Development (Global Industrial Sector) nennt diesen Effekt "the cost of thinking twice". Nicht offen lebende Lesben und Schwule verschweigen, was sie am Wochenende unternommen haben, welche Filme sie sehen, was sie lesen, mit wem sie ihren Urlaub verbringen. Sie sind ständig auf der Hut, sich nicht durch Redewendungen oder Bemerkungen zu verraten, kontrollieren womöglich sogar ihre Körpersprache. Das stresst nicht nur die Betroffenen selbst, sondern auch ihre Kollegen. Bei geschätzten 5 bis 10 Prozent nicht-heterosexuellen Mitarbeitern kostet dies die Unternehmen richtig Geld.

Für die Unternehmen gäbe es also Grund genug, "gay-friendly" aufzutreten, Manager und Mitarbeiter durch Mentoring- oder Diversity-Programme zu mehr Offenheit zu bewegen. Verbände wie der Völklinger Kreis oder die Wirtschaftsweiber treten dafür ein. Doch der Prozess des Umdenkens vollzieht sich sehr langsam. "Kulturveränderungen brauchen Zeit und positive Vorbilder, über die spürbar wird, dass lesbisch oder schwul sein auch eine Form der Normalität ist", so Frohn. Es ginge also schneller voran, wenn sich mehr Manager und Managerinnen outen würden.
 
Von Anne Jacoby