Daddeln als Chefsache

War man sich bislang einig, den stundenlang Spiele zockenden Kids sei eine Hartz-IV-Karriere gewiss, werden inzwischen neue Töne angeschlagen. Wer sich regelmäßig in World of Warcraft austobe, heißt es nun, entwickle zentrale Führungskompetenzen.

Daddeln macht doof. Raus muss der Balg, an die frische Luft und dort echte Abenteuer erleben. Wer in der Freizeit nur in den PC starrt, aus dem wird nix oder er macht Karriere - als Knacki. Das von besorgten Mamis, abgehobenen Soziologen und weltfremden Kirchenmännern beschworene Unheil soll den Nachwuchs nun doch nicht heimsuchen. Wer ordentlich daddelt, lautet die neue Erkenntnis, entwickelt sich nicht zum Satansbraten, sondern zu einer Führungskraft wie aus dem Bilderbuch. Aus Spielsüchtigen werden unversehens Nachwuchskräfte mit besten Managerqualitäten.

Vielleicht liegt der bemerkenswerten Einsicht eines IBM-Managers, der rein zufällig Chef der Spiele-Sparte des IT-Giganten ist, doch mehr zugrunde als billige PR in eigener Sache. World of Warcraft fördere unter den Spielern nicht nur die Führungsstärke, heißt es. Es lehre auch, Risiken einzuschätzen und Gruppen gezielt für ganz besondere Ziele aufzubauen. Einzelne würden dabei auch einüben, nicht über zu reagieren, würden sie für ein spezielles Ziel nicht ausgewählt.

Gamer gegen Kulturpessimisten
Potzblitz. Man stelle sich vor, plötzlich würden Experten nicht mehr zur Kritik, sondern zur Kultur von Computerspielen Stellung beziehen und Kongresse abhalten. Statt Verfalls-, Verdummungs- und Gewaltbereitschaftsstudien würden Potenzial- und Kompetenzanalysen präsentiert. Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt, sagte Schiller weiland. So kommt der Daddler zu neuen Ehren: Als Homo ludens bläst er dem Homo oeconomicus ordentlich den Marsch. Ob Ackermann das weiß?

Doch so weit sind wir noch nicht. Noch überwiegen die Ressentiments, obwohl sich Game Studies als neuer Forschungszweig längst etabliert hat. Lieber wird die Spielergemeinde verschreckt wie jüngst in Australien. Personalvermittler wurden von ihren Auftraggebern aus der IT- und Medienbranche angewiesen, keine World-of-Warcraft-Daddler mehr zu Vorstellungsgesprächen einzuladen. Sie könnten sich nicht auf die Arbeit konzentrieren und kämen meist unausgeschlafen zur Arbeit.
 
Von Max Leonberg