Chefs in der Mangel

Müssen Firmen ihre Kosten reduzieren, geht es meist dem Personal an den Kragen. Freilich bleiben auch Führungskräfte nicht verschont. Bei Fusionen und Übernahmen wird genau geprüft, welche Bereiche überflüssig werden. Ob sich deren Chefs für neue Aufgaben anbieten, ist Gegenstand von Management Audits. Dort müssen Manager Farbe bekennen.

In den letzten Tagen war Hermann P. sichtlich nervös. Kurz und knapp hatte ihn der Personalchef informiert, dass eine beauftragte Beratungsfirma sich mit ihm ausführlich unterhalten möchte. „Systematische Potenzialanalyse, Führungskräfteentwicklung, Sie wissen schon.“ Doch dem Leiter der Materialwirtschaft schwante Übles. Nachdem der amerikanische Marktführer sich den schwäbischen Automobilzulieferer einverleibt hatte, war auch anderen Abteilungsleitern klar: Hier bleibt kein Stein auf dem anderen.

Führungskräfte unter Druck
Rücken die auf Management Audits spezialisierten Berater an, steigt der Blutdruck von Führungskräften bedrohlich an. Für sie steht viel auf dem Spiel: Platzt der Traum, endlich in die Chefetage aufzurücken? Wird einem nahegelegt, sich eine neue Herausforderung zu suchen? Für die Berater, meist junge, schneidige MBA-Absolventen, ist es Routine, ihren Gesprächspartnern freundlich aber unmissverständlich zu empfehlen, ihre Träume zu begraben. Für ihre Gesprächspartner können die Gespräche äußerst unangenehm enden.
 
Meist sind die Audits eine Mischung aus zwanglosem Geplauder und formalisierten Tests, die sich über mehrere Stunden hinweg ziehen. Einige Berater versetzen ihre Gesprächspartner in simulierte Situationen, wo sie genau beobachten, wie die Führungskraft unter Druck mit neuen Anforderungen umgeht. Haben ausländische Kapitaleigner das Sagen, kann es sein, dass Amerikaner oder Chinesen mit von der Partie sind, wenn Führungskräfte in die Mangel genommen werden.
 

Schauspielen hilft nicht
Ob Personalauswahl oder Potenzialanalyse: Der Interviewte sollte gut vorbereitet sein, sich aber nicht verstellen. Experten empfehlen, auf die zumeist offen gestellten Fragen zur bisherigen Karriere, zu Misserfolgen oder strittigen Entscheidungen nicht abstrakt, sondern ausführlich zu antworten und die Argumentation mit Beispielen und Szenarien zu untermauern. Schauspieler sind schnell unten durch. Die erfahrenen Berater merken sofort, ob sie es mit einem Schaumschläger zu tun haben. Ist der Audit vorbei, geben die Berater Feedback. Sie beurteilen Kritikfähigkeit und Entscheidungsverhalten, konkretisieren Stärken und Schwächen und geben Empfehlungen, an sich zu arbeiten.
 
In Deutschland haben die Berater gut zu tun. Sie kommen im Auftrag von internationalen Investoren, die gezielt Firmen für eine Übernahme vorsehen und nur die besten Führungskräfte halten wollen. Sie gehen aber auch dort ein und aus, wo Veränderungsprozesse an der Tagesordnung sind wie etwa beim Konzern Siemens. Kritikern zufolge ist das Management Audit oft nur vorgeschoben. Den Beratern liegen Listen mit Namen vor, die das Top-Management unbedingt loswerden will. Nur traut sich niemand. Also machen es die Berater, die für diesen Job fürstlich entlohnt werden.
 
Von Max Leonberg