Bunte Mischung

Unternehmen, in deren Belegschaft viele Nationalitäten versammelt sind, gehört die Zukunft. Die bunte Mischung ist nicht nur auf die Herkunft beschränkt. Auch wer gezielt Minderheiten anspricht, das Verhältnis zwischen Alt und Jung verbessert oder mehr Frauen für Fach- und Führungspositionen gewinnt, setzt sich von der Konkurrenz ab. Mitte Oktober erhielt das deutsche Vorzeige-Softwareunternehmen SAP aus Walldorf den Max-Spohr-Preis.

Benannt ist die Auszeichnung nach einem Mann, der als erster Verleger wissenschaftliche Literatur über Homosexualität herausgab und damit seiner Zeit (1850-1905) weit voraus war. Wer sich seinerzeit schwul oder lesbisch zu erkennen gab, konnte gewiss jegliche beruflichen Ambitionen ad acta legen. Ausgezeichnet wurde SAP für seinen Anspruch, Toleranz für sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität im Berufsalltag zu schaffen. "Die Vielfalt an Kulturen, Religionen, Lebensweisen bereichert uns mit jeder einzelnen Facette", sagt die leitende Betriebsärztin Natalie Lotzmann, die auch Diversity Managerin ist.

Vielfalt als Chance
Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) zwingt Unternehmen, Gleichberechtigung, Toleranz und Schutz von Minderheiten in der täglichen Praxis unter Beweis zu stellen. Zwar ist die befürchtete Klagewelle vor allem von Bewerbern, die sich zu Unrecht abgewiesen fühlen, bisher ausgeblieben. Doch die Botschaft des Gesetzgebers ist eindeutig: Diskriminierung darf sich nicht rentieren.

Für Lotzmann allerdings hat die neue Gesetzeslage überhaupt keinen Stellenwert für den bei SAP praktizierten Vielfalt-Ansatz. "Es kann doch nicht sein, dass man sich lediglich auf Druck für diese Fragen einsetzt", sagt sie. "Vielmehr sind wir überzeugt, dass wir mit gemischten Teams und einem offeneren Auftritt auch erfolgreicher sind." Lotzmann zufolge ist die Unternehmenskultur von SAP von Menschen geprägt, die anderen mit Wertschätzung und Neugier begegnen und den Mehrwert solcher Unterschiedlichkeiten jederzeit vermitteln können. "Jeder, der sich dafür einsetzt, sollte selbst darin Vorbild sein."

Verschiedenheit stärken
Damit orientiert sich der deutsche Softwarekonzern an amerikanischen Vorbildern. In den USA begann der Siegeszug von Diversity vor 20 Jahren. Firmen, die an die Börse gehen wollen, müssen nachweisen, dass sie den Vielfalt-Gedanken in ihr Leitbild integriert haben. Diversity-Trainer schulen Führungskräfte und Mitarbeiter, Diskriminierung schon im Ansatz zu erkennen und gezielt zu bekämpfen.

Vielen Unternehmen hierzulande gilt Ikea als Vorbild. Jedes einzelne der rund 50 Möbelhäuser hat einen Diversity-Beauftragten, der Anlaufstelle für Kritik, vor allem aber für kreative Anregungen ist, das Miteinander jenseits aller Verschiedenheit zu stärken. "Jeder zeigt durch sein privates Engagement auf einem sozialen Gebiet, dass jeder ein Vorbild sein kann", so Diversity Managerin Xenia Mohr. Ikea sei daran gelegen, dass Mitarbeiter Beruf und Privatleben besser in Einklang bringen können.

Diversity nimmt künftig weiter an Bedeutung zu, immer mehr Fachleute werden benötigt. Noch werden die Positionen aus der Belegschaft rekrutiert, meist aus der Personalabteilung, in der Regel sind es Frauen. Dieses Signal ist falsch, warnen Kritiker. Um Vielfalt als Wert in der Wirtschaft durchzusetzen, muss die Aufgabe ganz oben angesiedelt und mit hinreichenden Mitteln ausgestattet werden. Es muss ein Thema ersten Ranges werden, gleich, wer es vertritt.
 
Von Josef Bierbrodt