Boreout - Wenn Unterforderung krank macht

Wenn Mitarbeiter ständig unterfordert sind und nur ihre Stunden bis zum Feierabend absitzen, kann sie das genauso krank machen wie eine permanente Überforderung. Dieses Phänomen trägt den Namen "Boreout", weil es zu ganz ähnlichen Symptomen wie ein "Burnout" führt. Eine wertschätzende Mitarbeiterführung und die Übertragung anspruchsvoller Aufgaben können dem Boreout vorbeugen.

Stress und Überforderung am Arbeitsplatz sind häufige Themen in Unternehmen. Das sogenannte Burnout ist inzwischen als typische Manager-Krankheit anerkannt. Bekanntestes Burnout-Opfer ist Mirjam Meckel, Kommunikations-Professorin in St. Gallen, die ihre Erfahrungen mit der Krankheit im Buch "Briefe an mein Leben" niedergeschrieben hat. Dass Langeweile und Unterforderung am Arbeitsplatz ebenfalls zu erheblichen Problemen führen und Mitarbeiter krank machen kann, ist dagegen weniger bekannt. Die Schweizer Berater Philippe Rothlin und Peter R. Werner haben im Jahr 2007 der chronischen Unterforderung im Job einen Namen gegeben: "Boreout" - in Anlehnung an den allgemein bekannten "Burnout".

Desinteresse und Unzufriedenheit als ernst zu nehmende gesundheitliche Gefahr
In ihrem Buch "Diagnose Boreout. Warum Unterforderung im Job krank macht" beschreiben sie die Auswirkungen der permanenten Unterforderung: Unzufriedenheit, Müdigkeit und Verlust der Lebensfreude. Dazu komme ein wirtschaftlicher Schaden, der die Unternehmen über 5.000 Dollar pro Arbeitnehmer und Jahr kosten könne. Insbesondere im Dienstleistungssektor sei das Boreout-Syndrom verbreitet. Es beginne, wenn sich Mitarbeiter Strategien ausdenken, um sich Arbeit vom Leibe zu halten oder auf längere Zeit zu verteilen. Die freie Zeit vertreiben sie mit Internet-Surfen, Chatten, Vereinsarbeit und privaten E-Mails und das führt verstärkt zu Lustlosigkeit - ein Teufelskreis beginnt. Dieser kann im Laufe der Zeit zu ernsthaften gesundheitlichen Problemen wie Erkrankungen psychosomatischer Art oder zu Rücken- und Magenproblemen führen. Diese gesundheitlichen Probleme unterscheiden sich nicht grundsätzlich von den Erkrankungen durch Überforderung. Auch Boreout-Betroffene sind gereizt, leiden häufig unter Depressionen oder Schlafstörungen und fühlen sich leer. Viele sind nicht mehr so belastbar wie früher und gehen nur widerwillig zur Arbeit.

Wenn ernste gesundheitliche Probleme auftreten, ist es meist schon zu spät, seitens der Unternehmensführung für eine baldige Abhilfe zu sorgen. Längere Ausfallzeiten sind möglich, ärztliche Behandlungen oder psychologische Therapien können nötig werden. Deshalb rät der Stress- und Burnout-Präventions-Experte Peter Buchenau Arbeitgebern und Führungskräften, sich zunächst selbst gut über das Phänomen Boreout zu informieren, um die Anzeichen bei ihren Mitarbeitern frühzeitig erkennen zu können. "Darüber hinaus gilt es, die eigene Wahrnehmung zu schulen, die Mitarbeiter im wahrsten Sinn des Wortes "wahr-zu-nehmen", erklärt der Inhaber des Beratungsunternehmens "The Right Way". Sein Tipp: "Sie sollten auf Verhaltensauffälligkeiten wie Lustlosigkeit, Desinteresse, und Anzeichen von schlechter Stimmung achten, aber auch auf länger anhaltende Ess- oder Verhaltensstörungen."

Die Betroffenen schweigen
Dabei sollen Vorgesetzte nicht davon ausgehen, dass Mitarbeiter, die unter chronischer Unterforderung leiden, von sich aus auf sie zukommen werden. Denn Langeweile im Job sei ein Tabu, so Peter Buchenau. Außerdem ist es unwahrscheinlich, dass Boreout-Betroffene selbst einen Ausweg aus der Situation finden. Hierzu müssten sie zunächst einmal die Situation selbst erkennen und sich eingestehen. "Das ist das erste Problem. Das zweite Problem ist die Angst um den Verlust des Arbeitsplatzes, für den Fall, dass der Arbeitgeber feststellt, wie wenig der Mitarbeiter in Wirklichkeit zu tun hat. Diese führt oft noch tiefer in die "Boreout-Spirale", sagt der Experte und ergänzt: "Die Frage, ob Boreout-Betroffene Hilfe benötigen, kann generell bejaht werden."

Die Hilfe sollte aber von externen Experten kommen, rät er. "Die Führungskraft würde ich in dieser Situation nur selten als Helfer empfehlen. Erstens hat sie selbst viel zu tun und zweitens ist die Führungskraft selbst oft der Auslöser für den Boreout", weiß Buchenau, der 20 Jahre selbst als Manager tätig war, aus Erfahrung. Sinnvoller sei die Unterstützung durch einen Coach - eine neutrale Person, die unabhängig von der Firmenpolitik unterstützen könne und dem Betroffen die Möglichkeit gebe, sich über seine Situation klar zu werden. Ein Coach könne dem Boreout-Betroffenen auch bei der Vorbereitung eines Gesprächs mit dem Vorgesetzten helfen. Dieses Gespräch sollte laut dem Stress-Experten auf jeden Fall stattfinden. Denn so bestehe die Möglichkeit, sein Aufgabenfeld zu erweitern und wieder "Sinn" in der Tätigkeit zu empfinden.

Recht auf vertragsgemäße Beschäftigung
Wenn allerdings das Coaching und die Umstrukturierung des Aufgabenfelds erfolglos bleiben, ist eine Unterstützung durch einen Psychologen unausweichlich. Doch bis dahin hat das Unternehmen zahlreiche Möglichkeiten, dem Boreout entgegenzuwirken und ihn im Vorfeld nach Möglichkeit zu vermeiden. Denn der häufigste Auslöser für ein Boreout liegt darin, dass unzufriedenen und gelangweilten Mitarbeitern das Erfolgserlebnis fehlt, das sich bei der Bewältigung einer anspruchsvollen Tätigkeit normalerweise einstellt. "Eine wertschätzende Unternehmenskultur ist deshalb einer der wichtigsten Parameter bei der "Boreout-Prävention", sagt Fabian Jaax. Der Bereichsleiter "Aktiv" des Gesundheitsmanagement-Dienstleisters Integion rät Vorgesetzten dazu, nicht den Großteil der interessanten Aufgaben an sich zu reißen und die Routinetätigkeiten und "das Langweilige" an die Mitarbeiter zu delegieren. Mitarbeiter sollten bei ihrer Tätigkeit das Gefühl haben, anerkannt und wertgeschätzt zu sein. Und er bestätigt: "Mit Faulheit hat Boreout nichts zu tun. Häufig wollen die Betroffenen mehr arbeiten oder qualifiziertere Aufgaben übernehmen."

Diese Möglichkeit haben sie, sollten sie noch in der Situation sein, ihre Situation zu reflektieren und ihr Verhalten selbst zu steuern, auch auf arbeitsrechtlicher Basis. Wer nur mindere, monotone Tätigkeiten zugewiesen bekommt, kann von seinem Arbeitgeber eine vertragsgemäße Beschäftigung verlangen und sogar gerichtlich durchsetzen. Auf der anderen Seite haben auch Arbeitgeber die Möglichkeit, auf das verdeckte Nichtstun ihrer Mitarbeiter zu reagieren. Sofern noch kein echtes Krankheitsbild vorliegt und die Situation noch steuerbar ist, begeht ein Arbeitnehmer aus arbeitsrechtlicher Sicht eine Pflichtwidrigkeit, wenn er den ganzen Tag inhaltslose Aktivitäten durchführt. Arbeitgeber können mit Abmahnungen und im Wiederholungsfall mit verhaltensbedingten Kündigungen reagieren.
 
Von Christiane Siemann