Bewerberverhalten passt sich dem Arbeitsmarkt an

Vor einem Jahr um diese Zeit wurde der Arbeitsmarkt noch als Bewerbermarkt bezeichnet, doch im Herbst erfolgte der Umschwung. Mit den geänderten Konjunkturaussichten befinden sich Jobsuchende wieder auf einem Arbeitgebermarkt. Darauf stellen sich die Bewerber ein, wie Beispiele aus verschiedenen Branchen zeigen.

Die Arbeitslosenquote steigt, aber trotz Krise wird natürlich auch weiter eingestellt. Zwar sind die offenen Stellen rückläufig, aber sie dürften deutlich über einer Millionen liegen. Im 1. Quartal meldete die Arbeitsagentur allein 870.000 offene Stellen, dabei erreicht sie ein großer Teil der Stellenangebote gar nicht. Viele Berufseinsteiger und junge Fach- und Führungskräfte sind verunsichert und stellen ihr Bewerbungsverhalten darauf ein. Sie haben schon erfahren oder befürchten, dass der Bewerbungsmarkt enger ist. "Natürlich sind sie nicht unberührt von den Ereignissen, auch sie registrieren den Personalabbau", stellt Professor Thomas Kapp, Partner der Luther Rechtsanwaltsgesellschaft, fest. Nach wie vor, so seine Einschätzung, sei es aber für juristische Kandidaten mit Spitzenexamen kein Problem, ohne größeren Aufwand eine passende Stelle zu bekommen. "Alle anderen versenden mehr Bewerbungen und zeigen sich bereiter als vorher, einen Ortswechsel zu vollziehen. Außerdem verhalten sie sich flexibler in Bezug auf ihre Tätigkeitsgebiete. Im Gegenzug kalkulieren sie mehr Zeit ein, um langfristig zu ihren gewünschten Karrierezielen zu gelangen." Ein Vorteil der momentanen Rekrutierungssituation für Unternehmen: Weil mehr Bewerbungen eingehen, sei es leichter, Kandidaten mit spezifischen Qualifikationen zu erreichen.

Jobs im IT-Bereich werden kritisch betrachtet
Bei dem international tätigen IT-Dienstleister GFT Technologies AG kommen mehr Bewerbungen als im Vorjahr an, aber nicht in dem Umfang, wie man es bei der Wirtschaftskrise erwarten könnte. Der Grund: Bewerber reagieren mittlerweile nur auf ausgeschriebene Stellen und wagen gerade derzeit keine Initiativbewerbungen mehr. Fach- und Führungskräfte im IT-Sektor sind eine hoch qualifizierte Gruppe auf dem Arbeitsmarkt, die auch ihren Wert kennt. Ihr Bewerbungsverhalten unterscheidet sich von anderen, die möglicherweise einfach froh sind, "irgendeinen" Job zu bekommen. "Die IT-Spezialisten prüfen kritischer, ob sie sich gerade bei einem Arbeitgeber vorstellen, der ihnen auch langfristige Perspektiven bieten kann", so Dr. Bettina Mann, Personalleiterin von GFT Technologies mit rund 1.100 Mitarbeitern weltweit. "Die Bewerber setzen sich intensiv mit dem Unternehmen auseinander, was wir sehr begrüßen. So können wir sicher sein, dass es eine bewusste Entscheidung seitens des Bewerbers ist. Und er selbst möchte nicht bangen müssen, dass er innerhalb der Probezeit entlassen werden könnte, weil es das Unternehmen plötzlich nicht mehr gibt." Allerdings registriert Bettina Mann auch eine gewisse Bescheidenheit. Die Kandidaten seien sind nicht mehr so wählerisch in Bezug auf Incentives, während sie vorher am liebsten sofort Auto, Handy und Laptop beansprucht haben. "Der Stellenwert der Fort- und Weiterbildung ist sowohl bei GFT als auch bei den Bewerbern gestiegen, denn IT ist ein schnelles Geschäft. Wir können die Mitarbeiter nur binden, wenn wir die fachliche und persönliche Weiterbildung umfänglich anbieten."

Flexibilität bei Bankfachkräften
Das Bild des Bankers hat aufgrund der aktuellen Situation auf dem Finanzmarkt ein wenig Schlagseite genommen, allerdings profitieren davon die Sparkassen, die eine deutlich gestiegene Nachfrage verzeichnen können und deren hoher Bedarf sowohl an qualifizierten Mitarbeitern als auch an gut ausgebildeten motivierten Nachwuchskräften nicht abnimmt. Die Haspa, Hamburger Sparkasse, befragte 2009 rund 800 repräsentativ ausgewählte Hamburgerinnen und Hamburger nach ihren Kriterien für die Jobwahl. Das Ergebnis: Klar messbare ökonomische Faktoren wie das Niveau von Gehältern und Sozialleistungen haben momentan nur eine nachrangige Bedeutung. Viel wichtiger sind aus Sicht der Befragten Soft Skills wie Fortbildungsmöglichkeiten und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Aber die absoluten Spitzenwerte entfallen laut Haspa-Umfrage auf das Betriebsklima und die Arbeitsplatzsicherheit (rund 70 Prozent). Hohes Gehalt und überdurchschnittliche Sozialleistungen rangieren sehr weit unten. In 2008 stellte das Institut rund 350 Mitarbeiter ein - Auszubildende, Trainees und Fachkräfte. Thomas Settler, stellvertretender Leiter Personal: "In diesem Jahr ist die Nachfrage sowohl nach Ausbildungsplätzen als auch nach den Trainee-Programmen bei der Haspa weiter gestiegen. Wir stellen in der aktuellen Situation fest, dass die Bewerber zwar Weiterbildungsmöglichkeiten und Aufstiegschancen im Blick haben, aber vor allem viel Wert auf einen sicheren Arbeitsplatz legen." Die Hochschulabsolventen zeigen außerdem in den Bewerbungsgesprächen eine hohe Ortsunabhängigkeit. Interessant sei, dass die Sparkasse sehr viel mehr Bewerbungen von außerhalb Hamburgs erhalte.

Branchenwechsel im Trend
Hochschulabsolventen, die sich sonst auf den Automobil-, Beratungs- oder Bankensektor fokussiert haben, interessieren sich jetzt für die Telekommunikations-Branche, da sie deutlich krisenfester sei, erläutert Andrea Diepen, Recruitingexpertin bei Vodafone D2. Das Unternehmen registriert mehr Bewerbungen auf seine Stellenausschreibungen und das Traineeprogramm. Andrea Diepen beobachtet, dass Hochschulabsolventen teilweise sehr frustriert seien, da manche große Unternehmen aufwendige Bewerbungsprozesse durchführen würden und dann keine Stelle offerieren. "Wenn man den Bewerbern absagt, hört man eine gewisse Frustration, da sie oftmals bereits viele Bewerbungsprozesse hinter sich haben und gescheitert sind." Die Folge: Bewerber sind bei der Job- und Branchenwahl deutlich flexibler. Allerdings habe sich bei den Gehaltsvorstellungen nichts verändert.

Die Flexibilität der Bewerber könnte allerdings schnell wieder ins Gegenteil umschlagen. Denn sobald die wirtschaftliche Entwicklung wieder positive Vorzeichen trägt, werden sich Stellensuchende ähnlich beweglich zeigen und sofort wieder ihre Wunscharbeitgeber und -funktionen fokussieren. Für den Mittelstand oder weniger attraktive Branchen ein Grund mehr, jetzt die Passenden zu binden.
 
Von Christiane Siemann