Bachelor-Abschluss - was sich nun ändert

Großunternehmen in Deutschland haben sich bereits auf neue Bachelor-Abschlüsse eingestellt. Der Mittelstand hinkt noch hinterher. Doch allen Firmen ist gleich: Noch fehlt die Erfahrung, das Wissen der neuen Absolventen einschätzen zu können.

Ein Jahr noch, dann muss das Studiensystem in Deutschland auf das Bachelor- und Master-Prinzip umgestellt sein. Ziel des 1999 vereinbarten Bologna-Prozesses war es, bis 2010 einen einheitlichen europäischen Hochschulraum zu schaffen. Die Umstellung an den Hochschulen ist inzwischen auch relativ weit vorangeschritten. Die meisten Unternehmen aber haben noch Schwierigkeiten, sich im neuen Studiensystem zurechtzufinden. "Uns ist nicht immer klar, wie die Studiengänge strukturiert sind", gibt Matthias Wehling, Personalvorstand von Ernst & Young, bei einer IHK-Informationsveranstaltung zu. Auch bei den Diplom-Studiengängen hätten die Recruiting-Experten nicht immer gewusst, welches Wissen dort genau vermittelt wurde. Sie hatten aber 20 Jahre und länger Erfahrung mit diesen Studiengängen gesammelt und konnten daher die Kenntnisse der Absolventen recht gut einschätzen.

Neue Einstiegsprogramme und Vergütungsstrukturen
Da der Anteil der Bewerber mit Bachelor-Abschluss von Jahr zu Jahr steigt, müssen sich die Unternehmen nun unausweichlich auf die neuen Absolventen einstellen. Die grundlegenden Unterschiede zum früheren Absolventen mit Diplom: Bachelors studieren kürzer, sind deshalb jünger und haben weniger Praktika absolviert. Oftmals lassen die Studiengänge nur eine Praxisphase von einigen Wochen zu. Für die Unternehmen bedeutet dies Anpassungen in den Einstiegs- und Personalentwicklungsprogrammen, aber auch in den Vergütungsstrukturen.

"Der Bachelor ist keine Ausbildung zweiter Klasse", so die Erfahrung von Matthias Wehling. Die Beratungs- und Prüfungsgesellschaft Ernst & Young stellt seit einigen Jahren Bachelor- und Master-Absolventen ein. Dass das Unternehmen je nach Abschluss Unterschiede bei der Vergütung vorsieht, liege aber nicht an der Qualität der Abschlüsse, sondern vornehmlich an der Dauer der absolvierten Ausbildung, so Wehling: "Mit den neuen Studiengängen wird die Ausbildung stärker in die Unternehmen verlagert." Deshalb hat Ernst & Young seine Einstiegsprogramme inzwischen neu konzipiert. "Wir müssen akzeptieren, dass die Berufsanfänger mit deutlich heterogeneren Ausbildungsprofilen in die Unternehmen kommen", resümiert der Personalvorstand.

Großunternehmen setzen ein Signal für den Bachelor
Das Beispiel von Ernst & Young zeigt: Großunternehmen haben sich häufig schon auf die neuen Abschlüsse eingestellt. So unterschrieben im Juni 2008 die Personalvorstände und Geschäftsführer aus knapp 90 Großunternehmen und großen Mittelständlern die Erklärung "Bachelor Welcome". Sie wollen damit ein Signal geben, um die Zahl der Studienanfänger und -absolventen speziell in den Fächern Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik zu steigern und die Abbrecherquoten zu reduzieren.

Auch der Arbeitskreis Personalmarketing, in dem vornehmlich Personalmarketing-Experten von Großunternehmen beteiligt sind, hat sich bereits mit dem Bachelor auseinandergesetzt. Er hat ein Bachelor-Rating in Auftrag gegeben, das den Unternehmen die Möglichkeit geben soll, die Qualität einzelner Studiengänge besser einzuschätzen. Das Ergebnis ist eine Übersicht über Technik- und Wirtschafts-Studiengänge, die Punkte für die vermittelte Methodenkompetenz, Sozialkompetenz, Internationalität und den Praxisbezug vermittelt.

Klare Anhaltspunkte für Berufseinsteiger mit Bachelor-Abschluss
Doch die praktische Umsetzung in den Unternehmen ist noch nicht so weit, wie die Initiativen von Verbänden und Arbeitskreisen glauben machen. Selbst unter den Unterzeichnern der Initiative "Bachelor Welcome" finden sich noch einige Firmen ohne spezielle Programme für Bachelor-Absolventen. Noch seltener ist eine Anpassung an die neuen Abschlüsse in kleineren und mittelständischen Unternehmen zu finden.

Ein positives Beispiel für ein Großunternehmen, das sein Einstiegsprogramm inzwischen konsequent auf die neuen Abschlüsse ausgerichtet hat, ist der Lebensmittelhersteller Kraft Foods Deutschland. Das zweieinhalb (Master) bis drei (Bachelor) Jahre dauernde "Junior Management Programm" soll den Berufsanfängern ermöglichen, sofort in konkreten Projekten Verantwortung zu übernehmen, anstelle erst in Traineeprogrammen eine Art "Zweitstudium im Unternehmen" zu absolvieren. Denn das Unternehmen bemerkte, dass nicht nur die Arbeitgeber, sondern auch die Absolventen gar nicht so genau wissen, was die neuen Abschüsse in der freien Wirtschaft wert sind. "In etlichen Gesprächen mussten wir feststellen: Viele Studenten bekommen kaum ausreichende Informationen, wie es mit ihren Abschlüssen konkret bei ihrem ersten Arbeitgeber weitergeht. Und sie finden oftmals keine klaren Anhaltspunkte, wie sie sich in ihrem neuen Umfeld mit ihren Potenzialen weiterentwickeln können", sagt Elke Miltrup-Altunok, Leiterin der Personalentwicklung bei Kraft Foods.

Deshalb ist das neue "Junior Management Programm" klar strukturiert und auf zunehmende Verantwortung ausgerichtet. Die Teilnehmer übernehmen von Anfang an ein festes Aufgabengebiet und eigene Projekte. In funktionalen Trainings wird das Know-how Stück für Stück individuell ergänzt. Nach rund eineinhalb Jahren geht der Teilnehmer in einen angrenzenden Fachbereich oder übernimmt innerhalb des Bereichs andere Aufgaben. Zurückgekehrt in den ursprünglichen Fachbereich wird die eigene Verantwortung Stück für Stück ausgeweitet. Und nach einem erfolgreichen Abschluss des Programms steht einem Sprung auf eine erste Management-Position nichts im Wege.
 
Von Christiane Siemann