BWLer und Pädagogen haben so ihre Eigenarten - Warum BWLer ihre Kragen hochklappen und Pädagogen Birkenstock tragen

kann man nicht mit Sicherheit sagen. Aber wenn man sich auf dem Campus umschaut, steht fest, dass sie es tun. Oft ist es gar erschreckend, mit welcher Sicherheit sich eine Einordnung aufgrund der äußeren Erscheinung vornehmen lässt. Denn eigentlich ist man ja schrecklich unvoreingenommen und bildet sich so schnell kein Urteil über seine Mit-Studenten.

Aber plötzlich ist es geschehen und das Persönchen, das vor einem in der Mensa-Schlange steht, ist aufgrund seines niedlichen Diddl-Stoffanhängers an der Stricktasche und den unauffälligen H&M-Klamotten schnell als Sozialpädagogin identifiziert. Und obwohl sie oft unterschätzt und belächelt werden, sind sie als Mitbewohner oder Kommilitonen sehr beliebt. Denn von ihnen bekommt man die Mitschrift der letzten Vorlesung mit einem verständnisvollen Lächeln ausgehändigt oder wird im nächsten Seminar voller Mitgefühl in die Anwesenheitsliste eingetragen, wenn man vom Tod des Goldfisches erzählt. Ausgelassene Parties zählen nicht zu ihrem vertrauten Territorium. Stattdessen freuen sie sich auf den Raclette-Abend mit Freunden, zu dem sie gleich mehrere Salate mitbringen und sich dann aber auch rechtzeitig wieder verabschieden, da sie sich am nächsten Morgen mit der Lerngruppe treffen. Mit dem vegetarischen Gericht auf dem Teller schlendert die Sozialpädagogin zu ihrem Platz.


Leb dein Klischee!

Dieses vorschnelle Urteil über eine unauffällige Sozialpädagogin war jedoch kein Ausrutscher. Mit dem Tablett in den Händen und nach einem Tisch suchend wird man plötzlich angerempelt und erntet einen giftigen Blick: Perlenohrringe, Pumps und Seidentuch um den Hals. Am Arm ein Longchamp-Täschchen und in der Hand ein kleines Evian-Fläschchen. Schwer zu sagen, ob es sich um eine BWLerin oder Juristin handelt. Aber der feine Strick-Pullover auf den Schultern deutet auf eine Juristin hin. Nicht nur in der Mensa und im Hörsaal werden schon mal die Krallen ausgefahren, sondern auch bei der Parkplatzsuche auf dem Unigelände hat der silberne Golf mit den eigenen Initialen als Kennzeichen Vorrang.

Endlich am Platz angekommen, will man sich gerade über das Tagesmenü hermachen, als von der Seite die verhasste Frage ertönt: "Ist hier noch frei?" Man nickt. Schließlich ist man kein Unmensch. Aber die anschließende Diskussion über das Weltgeschehen lässt einen die Entscheidung schnell bereuen. Ein Geisteswissenschaftler. Schwarzer Pulli, Jeans und lässige Adidas-Latschen aus den 70ern. Um die Schulter eine originelle Tasche aus LKW-Planen. Er legt seine Gauloises auf den Tisch, streicht sich den Pony aus dem Gesicht und es scheint, als würden sich nach 13 Semestern Literatur- und Kulturwissenschaften erste Zukunftsängste breitmachen. Aber nach dem Auslandsemester in Irland wisse er jetzt, was er will. Prestige und Geld scheinen dabei eine untergeordnete Rolle zu spielen. Mit einem Latte Macchiato-Pappbecher in der Hand schlurft er Richtung Hörsaal.

Bei der Tablettabgabe findet man sich plötzlich umhüllt von einer Parfümwolke: Der Typ Cabrio-Fahrer, mit babyblauem Lacoste-Poloshirt, flotter Fön-Frisur und praktischen Slippern aus Leder an den Füßen, schiebt sich charmant grinsend vorbei. Wenn das kein BWLer war.

Und so hat jedes Klischee doch irgendwie seine Daseinsberechtigung und trotz aller Unvoreingenommenheit kann man sich dieser Tatsache nicht entziehen. Trotzdem war es ein Lehramtsstudent, der sich bei der Tablettabgabe vordrängelte.
 
Von Antje Amrhein