Ausstieg mit Mitte 50
Wenn ein Unternehmen sinkt, wird zuerst das "Alteisen" über Bord geworfen. Kein Wunder also, dass in der momentanen Krise viele ältere Mitarbeiter per Goldenem Handschlag oder Altersteilzeit-Regelung nach Hause geschickt werden.
Dann stellen sich ganz neue Fragen: Reicht mein Geld? Wer bin ich ohne meinen Job? Und: Was mache ich jetzt? Plötzlich kommt der Abpfiff: "Denken Sie doch mal über einen früheren Ausstieg nach!" Dann steigt der Druck. Die jüngeren Kollegen wenden sich ab. Eine bittere Erfahrung - ähnlich kränkend wie im Kindersandkasten: "Wenn die anderen mit einem plötzlich nicht mehr spielen wollten", weiß Herb Stumpf, der sich mit Mitte 50 aus seinem Job bei Hewlett Packard verabschiedete, anschließend zwei Bücher geschrieben (Ausstieg mit Mitte 50; Wenn das Wochenende 7 Tage hat) und das Beratungsunternehmen Coaching 50plus aufgebaut hat.
Früher Ausstieg in gegenseitigem Einvernehmen
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die 55 Jahre sind und älter, gelten in den Unternehmen als teuer, als nicht mehr belastbar, als unflexibel. Jetzt, wo die Finanzkrise die ersten Spuren in den Bilanzen hinterlässt, wollen viele Unternehmen ihr "Alteisen" loswerden. Umgekehrt fragen sich die Mittfünfziger, wie lange sie Druck und Arbeitsbelastung noch aushalten wollen und können. "Auf beiden Seiten spielen dabei Kosten die Hauptrolle", erklärt Berater Stumpf. Beim Einzelnen stehe die Frage im Vordergrund: "Kann ich mir das leisten?" Bei den Arbeitgebern die Überlegung: "Wie viel muss ich zahlen, damit die Aufgabe des Arbeitsplatzes für den Betroffenen attraktiv wird?"
Die schlechte Nachricht zuerst: Die Möglichkeiten für einen frühen Ausstieg sind deutlich eingeschränkter als noch vor ein paar Jahren. Aus zwei Gründen: Abfindungen werden seit 2005 praktisch zu 100 Prozent besteuert, so dass von der zunächst üppig erscheinenden Summe nur noch etwa die Hälfte übrig bleibt. Immerhin ist es möglich - wenn der Arbeitgeber einverstanden ist - sich die Abfindung über mehrere Jahre verteilt auszahlen zu lassen, so dass die Steuer nicht ganz so hart zuschlägt.
Altersteilzeit ist keine Alternative
Außerdem läuft die Möglichkeit der staatlich geförderten Altersteilzeit zum 31. Dezember 2009 aus. Im Moment ist Altersteilzeit möglich, wenn folgende Voraussetzungen erfüllt werden:
- der Arbeitnehmer muss das 55. Lebensjahr vollendet haben,
- der Arbeitnehmer muss sozialversicherungspflichtig beschäftigt sein und
- der Arbeitsplatz muss mit einem Arbeitslosen, einem Arbeitnehmer nach Abschluss der Ausbildung ("Ausgebildeter") oder einem Auszubildenden wiederbesetzt werden.
Dann gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder halbiert der Altersteilzeitler seine wöchentliche Arbeitszeit. Oder er arbeitet Vollzeit weiter und bleibt nach der Hälfte der vereinbarten Gesamtzeit (höchstens sechs Jahre) komplett zu Hause. Nach diesem "Blockzeitmodell" waren laut Statistik der Bundesagentur für Arbeit 2008 fast 90.000 "Alte" beschäftigt, während nur rund 10.000 sich für das Modell der wöchentlich halbierten Arbeitszeit entschieden. Die meisten Anträge kommen übrigens aus der Öffentlichen Verwaltung (Bestand 2008: 13.552 Personen) sowie aus den derzeit stark kriselnden Branchen Automobilindustrie (7.295) und Finanzdienstleistungen (6.978).
Das Selbstbewusstsein leidet
Ob Goldener Handschlag oder Altersteilzeit - in beiden Fällen schlägt die Firmentür ein für alle Mal zu. Plötzlich ist der Firmenwagen weg und die Sekretärin, und alles, was auf der Visitenkarte stand und Selbstbewusstsein verlieh, zählt nicht mehr. Herb Stumpf hat in seiner Beratung einige Menschen kennen gelernt, die das nicht verkraften konnten. Die noch lange morgens im Anzug aus dem Haus gingen oder ihren Firmenausweis trugen, um ihrer Familie und Nachbarn nicht sagen zu müssen: "Ich bin jetzt Rentner." "Man muss einen neuen Platz und eine neue Rolle finden", erklärt 50Plus-Coach Stumpf. "Man muss sich sogar völlig neu definieren."
Für Männer gilt das übrigens in einem viel stärkeren Maße als für Frauen, die in ihrem Leben häufig Umbrüche, Unterbrechungen und Neuanfänge durchleben: mit jedem Kind, und häufig auch (immer noch) mit jedem Karriereschritt ihres Mannes, der einen Ortswechsel und/oder noch mehr Überstunden nach sich zieht.
Ausstieg als Chance
Ein schwerer Einschnitt, der - und das ist die gute Nachricht - auch eine große Chance sein kann. Ein neuer Lebensabschnitt: Jetzt geht es nicht mehr ums "Materielle, ums Aufbauen", was verbunden ist mit "viel Stress, mit sich-verbiegen-Müssen, sondern ums Konsolidieren", erklärt Herb Stumpf. Jetzt geht es um etwas anderes: "Das Glück in dem zu finden, 'was ist', und nicht in dem, was nicht mehr sein kann. Das auszuleben, was in uns steckt, die Träume und Seifenblasen der Jugend, die Talente, die häufig dem Praktischen und der Notwendigkeit weichen mussten, sie alle kann man mit dem offiziellen Ende des Berufslebens neu auspacken und ihnen eine späte Chance geben."
Von Anne Jacoby


