Arbeitszeit: Unternehmen gehen zu wenig auf die Wünsche ihrer Mitarbeiter ein

Nine to five: In der Wirtschaft wird unverändert gearbeitet, als wäre die 40-Stunden-Woche wie ein Gesetz in Stein gemeißelt. Motto: Am helllichten Tag wird Dienst geschoben, im Dunkeln (five to nine) hingegen entdeckt der Mensch das wahre Leben. Flexibilität - Fehlanzeige.

"Drei von vier Beschäftigten sind unzufrieden mit ihren Arbeitszeiten, fanden Ökonomen der Universität Oldenburg in einer Studie heraus. Teilzeitkräfte möchten lieber länger arbeiten, Vollzeitkräfte hingegen kürzertreten. Fakt ist: Mit starren Arbeitszeitregelungen fördern Arbeitgeber nur Frust unter ihren Mitarbeitern. Ihre Lebensqualität sinkt.

Teilzeitarbeit erhöht die Zufriedenheit im Betrieb
Für das individuelle Wohlbefinden hat die Arbeitszeit eine ähnlich große Bedeutung wie das verfügbare Einkommen. Fallen gewünschte und realisierte Arbeitszeit spürbar auseinander, verringert sich die Zufriedenheit signifikant - egal, ob es um die Zufriedenheit mit der Arbeit, der Gesundheit oder der allgemeinen Lebenssituation geht. Das muss nicht sein: Mit einer flexibleren Arbeitszeitgestaltung können sich Unternehmen aus starren Strukturen befreien und so nicht nur gewerbliche, sondern auch höher qualifizierte Mitarbeiter enger an sich binden.

Besonderes Potenzial hat die Teilzeitarbeit. Sie ist nicht nur prädestiniert für Frauen, wie in vielen Unternehmen irrigerweise angenommen wird. Sie hat sogar das Zeug, gezielt Fluktuations- und Krankheitsquoten einzudämmen. Mit Teilzeitarbeit, das zeigte auch eine Umfrage in 220 Solinger Betrieben, senken Unternehmen ihre Kosten. Wer in Teilzeit arbeitet, leistet mehr als Kollegen in herkömmlichen Vollzeitpositionen. Während ihrer vier- bis sechsstündigen Arbeitszeit hatten Teilzeitbeschäftigte weniger Leistungseinbrüche durch Ermüdung als Vollzeitbeschäftigte.

Teilzeitmodelle sind nur durch Eigenverantwortung realisierbar
Flexiblere Arbeitszeitgestaltung ist ein Kostenkiller, sofern Firmen ihre Mitarbeiter nicht nach abgesessener Zeit, sondern danach beurteilen, welche Ziele sie erreicht haben. Aus einer Vielzahl von zukunftsweisenden praktischen Modellen sticht das Beispiel des Deutschen Jugendherbergswerks in Detmold heraus. Zusammen mit der Geschäftsführung und dem Betriebsrat entwickelte die Qualitätsmanagementbeauftragte und Personalreferentin Elke Küpper insgesamt acht Teilzeitmodelle. Beschäftigte wechseln sich unter der Woche ab, arbeiten mal drei oder mal vier Tage. Andere erledigen vorübergehend die Arbeit zu Hause oder wechseln einfach für anderthalb Jahre von der Vollzeit- in die Teilzeit. "Entscheidend ist, dass jeder Bereich seine Funktionszeiten einhält und für Kunden ansprechbar ist", sagt Küpper, die selbst eine Vier-Tage-Woche favorisiert.

Eine so hohe Flexibilität verlangt ein hohes Maß an Eigenverantwortung. Arbeits- und Zeitplanung müssen aufeinander abgestimmt werden, und Mitarbeiter dürfen nicht zu viele Überstunden produzieren. Führungskräfte müssen darauf achten, dass ihre Mitarbeiter sich nicht selbst überfordern. Leichter gesagt als getan. "Obwohl Studien belegen, dass sich Teilzeitarbeit positiv auf Motivation und Leistungsfähigkeit der Beschäftigten auswirkt, sind immer noch viele Führungskräfte skeptisch", kritisiert Annika Neufang vom Zeitbüro NRW in Dortmund die weitverbreitete Praxis in der Wirtschaft. Insbesondere bei höher qualifizierten Positionen sei Teilzeitarbeit noch eine Ausnahme. "Dabei ist Freiraum gerade für Wissensarbeit und Kreativität unbedingt erforderlich."
 
Von Winfried Gertz