Arbeitgeberwechsel in Krisenzeiten

Das Phänomen ist bekannt: Sind die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen schlecht, vermeiden viele den Arbeitgeberwechsel. In Berufsfeldern, in denen ein struktureller Mangel herrscht, wird die Rekrutierung schwieriger.

Was können Unternehmen bei der Suche nach Fach- und Führungskräften tun, wenn sie trotz oder wegen der Krise neue Leistungsträger an Bord holen wollen? Die Wechselwilligkeit der Arbeitnehmer in Deutschland befindet sich derzeit erwartungsgemäß eher in Schlafposition, zumal sie auch in besseren Zeiten als wenig veränderungsfreudig und mobil gelten. Die Quote der Beschäftigten, die einen Arbeitgeberwechsel anstreben, pendelt um rund 30 Prozent - mal einige mehr, mal einige weniger. Schon in den letzten Jahren, so Erhebungen von Forsa im Auftrag von Jobware, rutschte die Bereitschaft auf unter 30 Prozent ab.

In der Praxis erleben Rekrutierer nun: Potenzielle Wechsel-Kandidaten sitzen die Krise aus. "Es ist schwieriger geworden, geeignete Fach- und Führungskräfte zum Wechsel zu bewegen - ähnlich wie in 2001/02. Der jetzige Arbeitplatz wird als vermeintlich sicher empfunden und die Kandidaten scheuen Risiken", so Michael Heidelberger, stellvertretender Vorsitzender des Fachverbandes Personalberatung im Bundesverband Deutscher Unternehmensberater (BDU). Dabei erleben die Berater ein widersprüchliches Verharren am Arbeitsplatz: Selbst wenn hochqualifizierte Beschäftigte ahnen, dass ihr Unternehmen kurz vor dem Konkurs steht, müsse man ihnen erst den Stuhl wegziehen, bevor sie sich beruflich verändern.

Kontakt aufnehmen und überzeugen
Nun verhalten sich nicht alle Arbeitnehmer gleich. Beispielsweise sind die Beschäftigten in der Kreativbranche trotz Krise veränderungsbereit. Eine aktuelle Umfrage von Designerdock unter 700 Beschäftigten der Kommunikationsbranche ergab, dass rund 36 Prozent in den kommenden sechs Monaten einen Jobwechsel planen. Jeder Zweite gehe von einem Wechsel innerhalb der nächsten zwölf Monate aus. Wie aber lockt man Elektroingenieure, Vertriebler, Produktmanager, Experten für Supply Chain Management oder Software-Entwickler von ihrem Stuhl?

  • Wie wichtig Employer Branding ist, zeigt sich gerade in der Krise. Unternehmen, die sich permanent "verkaufen" und Talente umwerben, sind auch in schwierigen Zeiten attraktivere Arbeitgeber, denn sie haben ihre Vorteile immer schon betont.
  • Um zum Wechsel zu animieren, könnte es sinnvoll sein, die Bedürfnisse des potenziellen Kandidaten zu eruieren: Ist ein Betriebskindergarten ein Plus? Oder die Arbeitssuche für den Partner? Jedes suchende Unternehmen sollte seine Spielräume ausloten und neue Ideen entwickeln.
  • Der sogenannte spannende Arbeitsplatz stellt dann einen Anreiz für Interessierte dar, wenn nicht nur neue Technologien, sondern auch weitere Qualifizierungen angeboten werden. Die Halbwertzeit des Wissens wird immer kürzer, das ist gerade hochqualifizierten Arbeitnehmern bekannt. Und für sie stellen definierte Weiterbildungspläne einen echten Anreiz dar.
  • Kandidaten wollen umworben werden. Sie können sich nur für einen Wechsel entscheiden, wenn die Stellenbeschreibung sehr konkret ist, die Vergütung stimmt, und Unternehmenskultur und Aufstiegsmöglichkeiten bekannt sind. Alle diese Punkte gehören zwar nicht im Detail ins Stellenangebot. Aber die kritische Prüfung, ob das suchende Unternehmen wirklich Kandidaten umwirbt, oder alles als bekannt voraussetzt, ist bei vielen Unternehmen überfällig.
  • Für Unternehmen, die mutig sind, langfristig planen und absolute Spezialisten suchen: Die Garantie für die Sicherheit des Arbeitsplatzes, beispielsweise auf fünf Jahre, könnte durchaus für einige Fach- und Führungskräfte verlockend sein.

In schwierigen wirtschaftlichen Situationen haben Unternehmen - gerade im Mittelstand - die Chance, mit Beschäftigten ins Gespräch zu kommen, die sich bislang noch gar nicht mit dem Thema Wechsel auseinandergesetzt haben. Auch mit denjenigen, die derzeit fest im Sattel sitzen. "Es gibt auch jetzt Fach- und Führungskräfte, die wechseln wollen - auch mit ihrer Familie. Manchmal überzeugt man durch die zusätzliche Übernahme der Umzugskosten, oder stellt für einige Monate eine Wohnung zu Verfügung, hilft die Familie zu integrieren oder hilft bei der Arbeitsplatzsuche für den Partner," rät Personalberater Michael Heidelberger vom BDU.

Krisenzeit als Rekrutierungszeit: Auch bei ermüdeter Wechselwilligkeit stehen die Chancen qualifiziertes Personal an Bord zu holen, gar nicht so schlecht. Gewinnen werden diejenigen Unternehmen, die ideenreich Trümpfe ausspielen.
 
Von Christiane Siemann