Anpassung - Verlust der Identität im Beruf

Wenn ein angehender Manager seinen rostigen VW-Bus aus Studentenzeiten verkauft und als leidenschaftlicher Surfer seine Freizeit plötzlich mit Golfschläger und Prosecco verbringt, ist der erste Schritt zu einer handfesten Deformation professionelle getan - einem Verlust der Identität.

Gerade der Wechsel vom Studenten- ins Berufsleben ist für viele der erste Schritt in eine "berufliche Entstellung", wie der Begriff wörtlich übersetzt bedeutet. Gemeint ist hier eine veränderte Persönlichkeit durch die Übernahme beruflicher Verhaltensweisen ins Privatleben.

Die Anpassung an geltende Verhaltens- oder Kleidernormen einer Branche geschieht natürlich schleichend und wird von den Betroffenen meist bestritten, denn niemand gibt gerne die Aufgabe seiner Individualität und Identität zu. Bei ehrlicher Betrachtung ist jedoch der Glaube, außerhalb der Arbeitszeit ein freier Mensch zu sein, reine Illusion. Denn mit dem Beruf wählt man gleichzeitig auch sein gesellschaftliches Umfeld und sämtliche Codes, die hier zum globalisierten Standard geworden sind. So hat laut dem amerikanischen Soziologen Richard Sennett die New Economy das Privatleben ihrer Angestellten längst erobert. Dies macht sich vor allem bei der Generation der heute 30-Jährigen bemerkbar.

Wenn der Beruf das ganze Leben einnimmt
Wenn mehrere Abende in der Woche durch Open-End-Bürotage oder Netzwerkverpflichtungen bei Vernissagen und Theaterpremieren blockiert sind, bleibt unausweichlich weniger Zeit für "zweckfreie" Freundschaften. Das Leben außerhalb beruflicher Interessen wird immer flüchtiger, weil der Anteil der Arbeit an der Lebenszeit immer größer geworden ist.

Wobei die angesprochene "Entstellung" kein ausschließliches Phänomen der Finanz- und Beraterbranche ist, sondern den gesamten Kosmos der höher qualifizierten Jobs erreicht hat. Auch Pfarrer, Ärzte oder Journalisten zwängen sich in das gültige Korsett ihres Berufsstandes. Selbst Künstler sind davor nicht gefeit, obwohl hier die Ablehnung der Norm schon wieder zu einer eigenen Matrix geworden ist.

Arbeitszeit und Freizeit sind nicht mehr differenziert
Nach einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung arbeiten mittlerweile nur noch 13 Prozent der Beschäftigten in einem klassischen Nine to five-Job mit festen Arbeitszeiten zwischen Montag und Freitag. Für das Gros der Arbeitnehmer ist die Trennung von Berufs- und Privatleben schon allein durch ihre 24-Stunden-Erreichbarkeit mit einem Multimediahandy eine Illusion. Hohe Gehälter scheinen in einigen Fällen die Dauernutzung des Arbeitnehmers zu rechtfertigen, doch in Zeiten der Generation Praktikum und ungezählten Medien-Start-Ups mit dem Bett am Arbeitsplatz herrscht insgesamt wohl mehr freiwillige Selbstausbeutung als Ausgewogenheit zwischen Arbeit und Freizeit am Markt. Und das selbst gewählt - versteht sich.
 
Von Manuel Boecker