Ärger in der Informationstechnik

Informationstechniker haben ausgezeichnete Berufsperspektiven, heißt es. Wer die Hochschule verlässt, könne meist zwischen mehreren Jobangeboten wählen. Doch diese Hochglanzrhetorik verschweigt, dass die Disziplin womöglich kurz vor einer Zäsur steht. Kritiker bezweifeln die Zukunftstauglichkeit des Fachs.

Kein Tag, an dem nicht in den Medien der Fachkräftemangel  beschworen wird. Lehrer, Ärzte, Ingenieure - kaum eine Disziplin bleibt von den Kassandrarufen verschont. Junge Leute, die sich noch nicht entschieden haben, was sie studieren sollen, verwirren solche Botschaften. "Lass Dich nicht irritieren!", sagen ihre Eltern. Es ist nicht lang her, als schon einmal dazu aufgerufen wurde, unbedingt "irgendetwas mit Computern" zu studieren. Als die Absolventen jedoch die Uni verließen, war Ebbe auf dem Arbeitsmarkt.

Lebensfern studieren
Wer ein Studium beginnt, wenn gerade akuter Fachkräftemangel herrscht, schaut womöglich fünf Jahre später in die Röhre, weil der Bedarf inzwischen wieder gesunken ist. Dieses "Schweinezyklus" genannte Phänomen ist aber nur die halbe Wahrheit. Tatsächlich richten sich Studienfächer kaum an den Veränderungen in der Praxis aus. Die Folge: Gerade dort, wo sich der Wandel besonders schnell vollzieht, können Arbeitgeber mit den Absolventen nichts anfangen.

Mit diesem Problem ist zusehends auch die Welt der digitalen Jobs konfrontiert. Kritiker halten ihr vor, ihr Augenmerk unverändert auf die Datenwelt zu richten, obwohl in Wirtschaft und Verwaltung längst Prozesse wichtiger geworden sind. Statt wie früher besonders leistungsfähige Systeme und Programme zu entwickeln, die dann unternehmensübergreifenden Prozessen aufgestülpt wurden, müssen die Fachkräfte heute Lösungen erarbeiten, die sich in den Dienst von betrieblichen Abläufen stellen. Kurz: Systeme müssen Prozesse unterstützen, nicht beherrschen.

Enttäuschte Hoffnungen
So kommt es nicht von ungefähr, dass junge Fachkräfte in Betrieben oft einem Spießrutenlauf ausgesetzt sind, weil ihr Kauderwelsch in Marketing, Vertrieb oder Einkauf nicht verstanden wird. Niemand kann und will etwas mit einer Geheimwissenschaft anfangen, die den Betrieb nur aufhält statt ihn zu unterstützen. Interessant: Weil das Fach Kritikern zufolge so "lebensfern" ausgerichtet ist, gelingt es auch nicht, Nachwuchs anzusprechen. Statistiken zeigen, dass die Erstsemesterzahlen rückläufig sind. Eklatant ist die mangelnde Attraktivität des Fachbereichs für Frauen. Dabei sagen Praktiker, dass es gerade Frauen leichter fällt, sich mit Kollegen aus anderen Bereichen zu verständigen und Systeme an den tatsächlichen Bedürfnissen der Nutzer auszurichten.

Mehr Anwendungsbezug, eine stärkere Ausbildung von Schlüsselkompetenzen und eine deutliche Anhebung des Frauenanteils unter Studenten werden der Informatik seit Jahren anempfohlen. Große Hoffnungen verband man daher mit dem Bologna-Prozess, der Vereinheitlichung der akademischen Ausbildung auf internationaler Ebene. Durch Einführung von kurzen Bachelor-Studiengängen und darauf aufbauenden Master-Angeboten wollte man nicht nur Akademiker schneller als zuvor "produzieren". Erklärte Absicht war auch, die Beschäftigungsfähigkeit von Absolventen zu erhöhen, eine Forderung, die in der Wirtschaft lange und zunehmend auch gegenüber Angestellten in der Informationstechnik erhoben wird. Doch die Kritiker lassen nicht locker: Statt Studenten frühzeitig auf die Anforderungen der Berufswelt vorzubereiten, werden sie mit Mathematik und Algorithmik gequält. Kein Wunder, dass die Abbrecherquoten nirgendwo sonst so hoch schnellen. Es ist höchste Zeit, dass sich die Informationstechnik dieser Debatte stellt.
 
Von Winfried Gertz