Achtung, Entsendung!

Zu Tausenden ziehen Fach- und Führungskräfte in die weite Welt, um für Ihre Firmen Werke zu bauen oder Niederlassungen zu eröffnen. Doch nur wenige packen ihre Aufgabe gut vorbereitet an. Besonders vernachlässigt wird die interkulturelle Kompetenz.

Hongkong, Sydney, San Francisco. Wer gerät bei solchen Destinationen nicht gleich ins Träumen? Einmal für ein oder zwei Jahre dort zu arbeiten, wo andere ihren Urlaub verbringen, klingt verlockend. Das muss kein Traum bleiben: Immer mehr Unternehmen entsenden ihre besten Mitarbeiter in fremde Länder, um neue Märkte zu erschließen und vor Ort erste Kontakte zu potenziellen Geschäftspartnern zu knüpfen. Dieser Trend hat längst den Mittelstand erfasst. Selbst die Molkerei aus dem Allgäu lässt sich die Chancen, die sich im Zuge der Globalisierung eröffnen, nicht entgehen.

Von der um sich greifenden Aufbruchstimmung infiziert, schicken jedoch viele Firmen ihre Fach- und Führungskräfte völlig unvorbereitet auf die große Reise. Das beobachtet Brigitte Hild, Geschäftsführerin der Online-Beratungsgesellschaft Going Global in Kronberg. Grund: Während Konzerne ihre Mitarbeiter intensiv auf Auslandseinsätze vorbereiten könnten, fehle es mittelständischen Firmen oft an Geld und kluger Planung. "Der kostet uns schon genug", zitiert Hild ein typisches Argument, "er soll sich selbst durchschlagen."

Ein schwerwiegender Fehler. Experten wie Hild warnen seit Jahren vor den Gefahren, denen sich mittelständische Betriebe mit mangelhaft eingefädelten Auslandsengagements aussetzen. Nach Einschätzung der Carl-Duisberg-Gesellschaft kehrt jeder dritte entsandte Mitarbeiter (Expatriat) vorzeitig zurück. Hild zufolge schlägt eine abgebrochene Entsendung mit rund 130000 Euro direkten Kosten zu Buche.

Aus ihren Fehlern zu lernen, kommt für viele Unternehmen wohl nicht infrage. Zu diesem Ergebnis kommt zumindest eine Studie des Fachgebietes Interkulturelle Wirtschaftskommunikation der Universität Jena. Eher würden nachteilige Bedingungen am Aufenthaltsort oder unzuverlässige Geschäftspartner für gescheiterte Auslandsprojekte verantwortlich gemacht. Ehrlicher wäre es, die Ursache bei sich zu suchen, sagt Marion Dathe von der Uni Jena. "Entweder tapsen Mitarbeiter sprachlich ins Fettnäpfchen oder brüskieren ihre Geschäftspartner, weil sie für kulturelle Unterschiede nicht sensibilisiert worden sind."

Keine Frage, für ihre Geradlinigkeit, Disziplin und Sachlichkeit werden Deutsche weltweit sehr geschätzt. Aber genau diese Eigenschaften stehen ihnen oft im Weg. "Gerade Deutsche", erläutert die Unternehmensberaterin Hanne Seelmann-Holzmann, die Firmen bei Asiengeschäften begleitet, "wollen unbedingt ihre weltberühmte Effizienz unter Beweis stellen und sofort auf die Sachebene wechseln, kaum dass sie ins Gespräch gekommen sind." Auf Chinesen etwa, die sich niemals ein böses Wort erlauben würden und obendrein in jeder Situation freundlich bleiben, wirkt dieses Verhalten höchst befremdlich.

Auch europäische Nachbarn stehen mit dem typisch deutschen Verhaltensmuster auf Kriegsfuß. Deutsche diskutieren, um ihren Standpunkt darzulegen; Niederländer hingegen wollen eine Übereinkunft finden. Und wenn Briten und Deutsche aufeinandertreffen, sind meist Vorurteile im Spiel: Arroganz trifft auf den "Bratwurstfresser". Sich auf das interkulturelle Abenteuer intensiv vorzubereiten, ist daher wichtiger denn je.

Hilfe verspricht ein an der Uni Jena entwickeltes Tutorial. Ehe die Expatriats aufbrechen, machen sie sich mit Tabus und wichtigen Regeln vertraut, lernen gemäß Landessitte auf Menschen zuzugehen und angemessen zu verhandeln. Ganz wichtig sind typische Gesten aus dem Alltag, die hierzulande eine völlig andere Bedeutung aufweisen als in anderen Ländern. Heißt etwa ein von Daumen und Zeigefinger gebildeter Kreis bei uns "hervorragend"; handelt es sich in Griechenland oder der Türkei um eine sexuelle Beleidigung. In Mittelamerika gibt man mit dieser Geste deutlich zu erkennen: "Halt endlich den Mund!"

von Winfried Gertz
www.winfried-gertz.de